Für Angehörige

Schnellleitfäden für den Alltag

Karten für Situationen, die oft eskalieren, obwohl es niemand böse meint. Kurz erklärt, warum etwas passiert – und was in dem Moment wirklich hilft.

PartnerschaftADHS

Absprachen werden immer wieder vergessen

Bei ADHS ist nicht der Wille das Problem, sondern das Arbeitsgedächtnis und die Handlungsinitiierung. Vergessen ist kein Desinteresse.

Was hilft

  • Absprachen sofort sichtbar machen: gemeinsamer Kalender, Notiz an der Tür, Erinnerung im Handy.
  • Eine Sache pro Ansage – Listen im Vorbeigehen gehen verloren.
  • Nachfragen statt vorwerfen: „Sollen wir es zusammen eintragen?“

Was eher nicht

  • „Wenn es dir wichtig wäre, würdest du es dir merken.“
  • Mehrere Aufgaben in einem Satz stapeln.
  • Erinnerungen als Beweis für Schuld sammeln.

Ich weiß, dass du es nicht absichtlich vergisst. Lass uns einen Ort finden, wo es stehen kann.

FamilieAutismus

Plötzlicher Rückzug oder Gereiztheit nach einem vollen Tag

Reizüberflutung entsteht kumulativ. Der Körper meldet Überlastung oft erst, wenn die Situation vorbei ist – deshalb wirkt der Rückzug „grundlos“.

Was hilft

  • Reize senken: Licht dimmen, Geräusche aus, keine Fragen.
  • Zeit ohne Sprechen anbieten und wirklich aushalten.
  • Später, in Ruhe, gemeinsam schauen, was zu viel war.

Was eher nicht

  • Sofort klären wollen („Was ist denn los?“).
  • Rückzug persönlich nehmen.
  • Trösten durch Körperkontakt ohne zu fragen.

Ich bin da, wenn du wieder magst. Ich brauche jetzt keine Antwort.

ElternADHS

Morgens kommt das Kind nicht aus dem Haus

Der Morgen verlangt viele kleine Handlungsstarts hintereinander. Genau das ist bei ADHS der schwierigste Teil – nicht das Können, sondern das Anfangen.

Was hilft

  • Abends vorbereiten, was morgens Entscheidungen spart.
  • Reihenfolge sichtbar aufhängen, mit Bildern statt Text.
  • Timer statt Stimme: Geräte übernehmen das Drängeln.

Was eher nicht

  • Mehrfach rufen und dann laut werden.
  • Konsequenzen ankündigen, während die Zeit drängt.
  • Vergleiche mit Geschwistern.

Wir schaffen das zusammen. Ich sage dir nur den nächsten Schritt.

FreundschaftAllgemein

Jemand erzählt dir von einer späten Diagnose

Eine späte Diagnose ordnet ein ganzes Leben neu. Die erste Reaktion des Gegenübers bleibt oft lange in Erinnerung.

Was hilft

  • Zuhören und nachfragen, was die Diagnose für die Person bedeutet.
  • Anerkennen, wie viel Kraft der Weg dorthin gekostet hat.
  • Fragen, was sich künftig ändern darf.

Was eher nicht

  • „Das hat doch heute jeder.“
  • „Man sieht dir das gar nicht an.“
  • Sofort Tipps und Podcast-Empfehlungen.

Danke, dass du es mir erzählst. Was bedeutet das für dich?

FamilieAllgemein

„Bei ihr wurde nie etwas erkannt“

Mädchen und Frauen kompensieren häufiger und fallen dadurch seltener auf. Übersehen zu werden ist kein Beweis dafür, dass nichts da ist.

Was hilft

  • Erschöpfung nach sozialen Situationen ernst nehmen.
  • Nach innen gerichtete Anzeichen mitdenken: Grübeln, Perfektionismus, Rückzug.
  • Zu einer Abklärung ermutigen, ohne zu drängen.

Was eher nicht

  • „Du warst doch immer so brav und gut in der Schule.“
  • Auf Kindheitserinnerungen als Gegenbeweis bestehen.

Dass es niemand gesehen hat, heißt nicht, dass es nicht anstrengend war.

FamilieAutismus

Ein Meltdown oder Shutdown passiert gerade

Ein Meltdown ist keine Wut und keine Erziehungsfrage, sondern eine Überlastungsreaktion des Nervensystems. Steuerung ist in dem Moment nicht möglich.

Was hilft

  • Sicherheit herstellen, Reize wegnehmen, wenig sprechen.
  • Kurze, einfache Sätze in ruhigem Tonfall.
  • Danach Erholungszeit einplanen – auch für dich.

Was eher nicht

  • Diskutieren, argumentieren, Konsequenzen setzen.
  • Festhalten ohne vorherige Absprache.
  • Danach so tun, als wäre nichts gewesen.

Du musst gerade nichts erklären. Ich bleibe in der Nähe.

ArbeitAuDHS

Im Team wirkt jemand unzuverlässig

Schwankende Leistung ist typisch: Bei Interesse und klarer Struktur läuft es sehr gut, bei diffusen Aufgaben bricht es ein. Das ist kein Charakterzug.

Was hilft

  • Aufgaben schriftlich, konkret und mit Priorität geben.
  • Rückfragen normalisieren statt als Schwäche werten.
  • Ruhige Arbeitsplätze und Kopfhörer selbstverständlich machen.

Was eher nicht

  • Feedback nur zwischen Tür und Angel.
  • Leistung an Anwesenheit im Großraum messen.

Sag mir, was du brauchst, damit die Aufgabe gut startet.

PartnerschaftADHS

Fragen zu Medikamenten kommen auf

Medikation ist eine medizinische Entscheidung mit guter Studienlage, aber sehr individueller Wirkung. Angehörige sind Begleitung, nicht Entscheidungsinstanz.

Was hilft

  • Beobachtungen sachlich teilen, ohne zu bewerten.
  • Zu Fachpersonen begleiten, wenn das gewünscht ist.
  • Nebenwirkungen und Wirkung getrennt betrachten.

Was eher nicht

  • Ungefragte Meinungen aus dem Netz.
  • Druck in beide Richtungen – „nimm doch endlich“ oder „das brauchst du nicht“.

Ich unterstütze deine Entscheidung. Sag mir, wie ich helfen kann.

Wichtig einzuordnen

Diese Karten sind Orientierung, keine Therapieanleitung und keine Diagnostik. Jeder Mensch ist anders – frag im Zweifel die Person selbst, was sie gerade braucht.