Das Double-Empathy-Problem neu betrachtet
Originaltitel: The Double Empathy Problem Reconsidered
Das Double-Empathy-Problem stellt die traditionelle Annahme infrage, autistische Menschen hätten grundsätzlich weniger Empathie oder soziale Kompetenz. Stattdessen wird argumentiert, dass Kommunikationsschwierigkeiten wechselseitig entstehen, wenn Menschen mit unterschiedlichen Denk- und Kommunikationsstilen aufeinandertreffen.
- Autor:innen
- Milton, D. E. M.; Crompton, C. J. et al. (Forschungslinie)
- Jahr
- 2018
- Studiendesign
- Theoretische Arbeit mit empirischer Weiterentwicklung durch Folgestudien
- Publikation
- Frontiers in Psychology / Disability & Society (exemplarische Einordnung)
Worum geht es?
Liegen Kommunikationsschwierigkeiten zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen einseitig bei autistischen Personen, oder handelt es sich um ein wechselseitiges Missverständnis?
Wie wurde untersucht?
Zusammenführung theoretischer Argumentation mit Folgestudien, u. a. Experimenten zu Informationsweitergabe zwischen autistisch-autistischen, autistisch-nichtautistischen und nichtautistisch-nichtautistischen Paaren (‚telephone game‘-Paradigma).
Was kam heraus?
- Informationsübertragung war innerhalb gleichartiger Paare (autistisch-autistisch oder nicht-autistisch-nicht-autistisch) am erfolgreichsten.
- Gemischte Paare zeigten reduzierten Rapport und weniger effektiven Informationsaustausch, unabhängig von wem die Information ausging.
- Nicht-autistische Beobachtende bewerteten autistische Kommunikationsstile oft negativer, obwohl objektive Kommunikationsleistung vergleichbar war.
Was wir daraus ziehen können
- Kommunikationsprobleme entstehen aus dem Aufeinandertreffen unterschiedlicher Stile, nicht aus einem Empathie-Defizit autistischer Menschen.
- Sensibilisierung nicht-autistischer Menschen kann Verständigung ebenso verbessern wie Training autistischer Personen.
- Autistisch-autistischer Austausch kann besonders reibungslos funktionieren.
Einordnung durch die Redaktion – keine Diagnose und keine Behandlungsempfehlung.
Grenzen der Aussage
Die empirische Basis wächst, ist aber noch begrenzt und stützt sich auf relativ kleine experimentelle Studien.
- Bisher wenige groß angelegte Replikationsstudien
- Experimentelle Aufgaben bilden reale soziale Situationen nur eingeschränkt ab
- Konzept noch nicht flächendeckend in klinischer Praxis etabliert
Quellen
Originalarbeit und weiterführende offizielle Referenzen.
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