Das Wichtigste in Kürze
- Das Konzept der doppelten Empathie versteht Kommunikationsprobleme als gegenseitiges, nicht einseitiges Phänomen.
- Autistische Menschen kommunizieren untereinander oft mühelos, was ein reines Empathie-Defizit unwahrscheinlich macht.
- Verantwortung für gelingende Kommunikation sollte nicht einseitig bei autistischen Menschen liegen.
- Offenes Nachfragen und transparente Erwartungen erleichtern die Verständigung für alle Seiten.
Über lange Zeit wurde angenommen, dass autistische Menschen grundsätzlich Schwierigkeiten mit Empathie und sozialem Verständnis hätten. Diese Sichtweise wird heute zunehmend infrage gestellt – nicht zuletzt durch das Konzept der doppelten Empathie, das ursprünglich von der Autismusforscherin Damian Milton geprägt wurde.
Die Kernidee ist einfach, aber folgenreich: Wenn zwei Menschen mit unterschiedlichen Kommunikationsstilen und Wahrnehmungsweisen aufeinandertreffen, ist es naheliegend, dass es zu gegenseitigen Missverständnissen kommt. Bisher wurde dieses Missverständnis meist einseitig als „autistisches Defizit“ interpretiert, obwohl auch neurotypische Menschen oft Schwierigkeiten haben, autistische Denk- und Ausdrucksweisen intuitiv zu erfassen.
Ein wichtiger Hinweis darauf ist, dass autistische Menschen untereinander häufig sehr flüssig und erfolgreich kommunizieren, oft sogar müheloser als mit neurotypischen Gesprächspartner:innen. Das spricht dafür, dass es sich nicht um ein grundsätzliches Empathie-Defizit handelt, sondern um Unterschiede in Kommunikationsstil, Erwartungshaltung und der Interpretation sozialer Signale.
Praktisch bedeutet das: Statt die Verantwortung für gelingende Kommunikation einseitig autistischen Menschen aufzubürden, etwa durch Trainings, die ausschließlich neurotypisches Verhalten einüben, sollte auch die andere Seite lernen, autistische Kommunikationsweisen besser zu verstehen und wertzuschätzen. Dies entlastet autistische Menschen vom ständigen Druck, sich anpassen zu müssen.
Für den Alltag lässt sich daraus ableiten, dass Missverständnisse nicht automatisch bedeuten, dass eine Seite „im Unrecht“ ist. Es lohnt sich, aktiv nachzufragen, Erwartungen offen zu benennen und Kommunikationsstile transparent zu machen, statt implizit vorauszusetzen, dass die eigene Art zu kommunizieren die einzig richtige ist.
Auch in der Diagnostik und Therapie hat das Konzept Auswirkungen: Statt autistisches Verhalten grundsätzlich zu „normalisieren“, wird zunehmend gefragt, wie Umgebungen gestaltet werden können, in denen unterschiedliche Kommunikationsstile gleichberechtigt nebeneinander bestehen können.
Die doppelte Empathie ist kein Freibrief, um jegliche Kommunikationsschwierigkeit zu ignorieren, sondern eine Einladung, gegenseitiges Verständnis als gemeinsame Aufgabe zu betrachten, statt eine einseitige Anpassungsleistung von autistischen Menschen zu erwarten.
Für Angehörige, Lehrpersonen und Arbeitgeber:innen bedeutet das, eigene Annahmen über „normale“ Kommunikation zu hinterfragen und aktiv Räume zu schaffen, in denen unterschiedliche Kommunikationsstile Platz haben.
Quellen
Grundlage dieses Beitrags. Wir priorisieren Leitlinien, Klassifikationen und systematische Übersichtsarbeiten.
- ReviewCurrent Opinion in Psychiatry · 2020Lai et al.: Sex and gender impacts on the behavioural presentation and recognition of autism
- LeitlinieAWMF · 2016S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Teil 1: Diagnostik (028-018)
Wichtig einzuordnen
Dieser Beitrag fasst den aktuellen Forschungsstand allgemeinverständlich zusammen. Er ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Behandlung.
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