Das Wichtigste in Kürze
- Therapieansätze für AuDHS sollten Elemente aus ADHS- und Autismustherapie kombinieren, nicht nur eine Seite betonen.
- Psychoedukation zu beiden Diagnosen gemeinsam hilft, das eigene komplexe Erleben besser einzuordnen.
- Ergotherapie, Coaching und spezialisierte Gruppenangebote können praktische Alltagsunterstützung bieten.
- Eine neurodiversitätsrespektvolle Haltung sollte Ziel jeder Behandlung sein, nicht reine Anpassung an Normen.
Viele klassische therapeutische Ansätze wurden ursprünglich entweder speziell für ADHS oder speziell für Autismus entwickelt und berücksichtigen die jeweils andere Diagnose nicht systematisch. Für Menschen mit AuDHS kann das bedeuten, dass ein rein ADHS-fokussiertes Training soziale und sensorische Bedürfnisse übersieht, während ein rein autismusfokussiertes Angebot Impulsivität und Aufmerksamkeitsschwankungen nicht ausreichend adressiert.
Psychoedukation gilt sowohl in der S3-Leitlinie ADHS als auch in der Leitlinie zu Autismus-Spektrum-Störungen als wichtiger erster Baustein jeder Behandlung. Für Menschen mit AuDHS ist eine kombinierte Psychoedukation besonders wertvoll, weil sie hilft, das eigene komplexe Erleben einzuordnen, statt sich in widersprüchlichen Einzelratgebern zu verlieren, die jeweils nur einen Teil des Profils erklären.
Kognitive Verhaltenstherapie wird bei ADHS häufig eingesetzt, um Strategien für Zeitmanagement, Emotionsregulation und Impulskontrolle zu erarbeiten. Bei AuDHS sollten solche Programme angepasst werden, etwa durch mehr konkrete, weniger abstrakte Übungen und durch explizite Berücksichtigung sensorischer Bedürfnisse, damit die vorgeschlagenen Strategien tatsächlich im Alltag umsetzbar sind.
Aus der Autismustherapie stammende Ansätze, die auf klare, strukturierte Kommunikation und die Vermittlung sozialer Konzepte setzen, können ebenfalls für Menschen mit AuDHS hilfreich sein, sollten aber mit Blick auf ADHS-typische Impulsivität angepasst werden, etwa durch kürzere, abwechslungsreichere Übungseinheiten statt langer, gleichförmiger Trainingssequenzen, die schnell zu Unterforderung und Ablenkung führen können.
Ergotherapie kann bei AuDHS eine wichtige Rolle spielen, insbesondere im Bereich der sensorischen Integration und der Verbesserung exekutiver Funktionen im Alltag. Viele ergotherapeutische Ansätze sind flexibel genug, um sowohl sensorische Besonderheiten als auch Aufmerksamkeits- und Organisationsschwierigkeiten gleichzeitig zu berücksichtigen, was sie zu einem naheliegenden Baustein eines individuellen Behandlungsplans macht.
Gruppenangebote, etwa Selbsthilfegruppen oder therapeutische Gruppenformate speziell für AuDHS, gewinnen zunehmend an Bedeutung, da der Austausch mit Menschen mit ähnlichem, doppeltem Profil oft als besonders entlastend erlebt wird. Der Vorteil solcher spezialisierten Gruppen liegt darin, dass Teilnehmende sich nicht ständig erklären müssen, warum bestimmte Bedürfnisse scheinbar widersprüchlich erscheinen.
Auch Coaching-Ansätze, die auf konkrete Alltagsbewältigung statt auf klassische Psychotherapie im engeren Sinn setzen, werden von vielen Menschen mit AuDHS als hilfreich beschrieben. Ein spezialisiertes Coaching kann praktische Unterstützung bei Themen wie Studienorganisation, Arbeitsplatzgestaltung oder Haushaltsführung bieten, ohne den Anspruch zu haben, tieferliegende psychische Themen zu behandeln.
Wichtig für jede Therapieform ist eine grundsätzliche Haltung, die Neurodivergenz nicht als zu behebenden Defekt, sondern als andere Art der Verarbeitung anerkennt. Therapeutische Ziele sollten sich daran orientieren, die individuelle Lebensqualität zu verbessern und Belastungen zu reduzieren, statt eine möglichst unauffällige Anpassung an neurotypische Normen als oberstes Ziel zu verfolgen.
Bei der Auswahl einer therapeutischen Fachperson lohnt es sich, gezielt nach Erfahrung mit AuDHS zu fragen, statt sich auf allgemeine Aussagen wie Erfahrung mit Neurodivergenz zu verlassen. Da AuDHS spezifische Herausforderungen mit sich bringt, ist eine echte inhaltliche Auseinandersetzung mit der Kombination beider Diagnosen ein wichtiges Qualitätsmerkmal.
Auch familiensystemische oder paartherapeutische Ansätze können sinnvoll sein, wenn AuDHS-bezogene Missverständnisse zu Spannungen im nahen Umfeld führen. Ein besseres gegenseitiges Verständnis der zugrunde liegenden neurologischen Dynamiken kann helfen, Konflikte zu entschärfen, die sonst leicht als reine Charakterfrage oder Beziehungsdefizit fehlinterpretiert werden.
Insgesamt zeigt sich, dass es kein einzelnes, universelles Therapieprogramm für AuDHS gibt, sondern dass ein individuell zusammengestelltes, oft interdisziplinäres Vorgehen notwendig ist. Die Kombination aus Psychoedukation, gezielten Trainingsangeboten, gegebenenfalls medikamentöser Unterstützung und einem verständnisvollen Umfeld bildet dabei häufig die tragfähigste Grundlage für langfristige Verbesserungen im Alltag.
Quellen
Grundlage dieses Beitrags. Wir priorisieren Leitlinien, Klassifikationen und systematische Übersichtsarbeiten.
- LeitlinieAWMF, Registernummer 028-045 · 2018S3-Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen
- LeitlinieAWMF, Registernummer 028-018 · 2021S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter
- ReviewAutism, Sage Journals · 2019Autism spectrum disorder and attention deficit hyperactivity disorder
Wichtig einzuordnen
Dieser Beitrag fasst den aktuellen Forschungsstand allgemeinverständlich zusammen. Er ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Behandlung.
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