Das Wichtigste in Kürze
- Eine AuDHS-Diagnostik erfordert Fachpersonen mit Erfahrung in beiden Störungsbildern.
- Symptome können sich gegenseitig maskieren, was die Diagnostik erschwert.
- Eigene Dokumentationen und alte Unterlagen erleichtern den diagnostischen Prozess erheblich.
- Nicht jede Abklärung endet mit einer Doppeldiagnose, was kein Scheitern bedeutet.
Eine Abklärung auf AuDHS unterscheidet sich in mehreren Punkten von einer Diagnostik, die nur ADHS oder nur Autismus in den Blick nimmt. Da beide Diagnosen mit teils überlappenden, teils gegensätzlichen Merkmalen einhergehen, braucht es Fachpersonen, die beide Störungsbilder gut kennen und in der Lage sind, sie im Einzelfall auseinanderzuhalten oder als gemeinsam bestehend zu erkennen.
Der erste Schritt ist in der Regel ein ausführliches Anamnesegespräch, das die eigene Entwicklungsgeschichte von der frühen Kindheit bis heute erfasst. Dabei werden Aspekte wie frühe Sprachentwicklung, soziales Spielverhalten, sensorische Besonderheiten, schulische Leistungen, Aufmerksamkeitsspanne und Impulsivität gleichermaßen berücksichtigt. Häufig werden auch Angehörige, etwa Eltern, einbezogen, um Informationen über die Kindheit zu ergänzen.
Zur Diagnostik gehören standardisierte Fragebögen und teilweise strukturierte Verhaltensbeobachtungen, etwa das ADOS-Verfahren für Autismus oder spezifische ADHS-Skalen. Diese Instrumente sind jedoch überwiegend getrennt für die jeweilige Diagnose entwickelt worden, sodass geschultes klinisches Urteilsvermögen notwendig ist, um die Ergebnisse im Kontext einer möglichen Doppeldiagnose zu interpretieren.
Eine besondere Herausforderung besteht darin, dass sich Symptome gegenseitig maskieren können. Eine ausgeprägte Hyperaktivität kann beispielsweise autistische Rückzugsbedürfnisse überdecken, während eine starke soziale Anpassungsleistung durch Masking autistische Züge verschleiern kann, sodass primär die ADHS-Symptomatik auffällt. Erfahrene Diagnostikerinnen und Diagnostiker wissen um diese Wechselwirkungen und fragen gezielt nach.
Bei Erwachsenen kommt erschwerend hinzu, dass viele über Jahre Kompensationsstrategien entwickelt haben, die das Erscheinungsbild verändern. Wer gelernt hat, Blickkontakt bewusst zu üben oder sozial erwünschtes Verhalten zu imitieren, kann in einer kurzen Untersuchungssituation unauffälliger wirken, als es dem tatsächlichen Alltagserleben entspricht. Deshalb sind ausführliche Selbstberichte über konkrete Alltagssituationen ein wichtiger Bestandteil der Diagnostik.
Die Wartezeiten für eine spezialisierte Diagnostik sind in vielen Regionen lang, teilweise mehrere Monate bis über ein Jahr. Es kann hilfreich sein, sich frühzeitig bei mehreren infrage kommenden Stellen auf Wartelisten setzen zu lassen und parallel die Hausarztpraxis oder eine bereits bestehende therapeutische Anbindung als Ansprechpartner zu nutzen, um die Wartezeit zu überbrücken.
Bei der Auswahl einer diagnostischen Stelle lohnt es sich, gezielt nachzufragen, ob Erfahrung mit der Kombination von ADHS und Autismus besteht. Manche spezialisierte Ambulanzen und Praxen bieten explizit eine kombinierte Diagnostik an, während andere Einrichtungen ausschließlich auf eines der beiden Störungsbilder fokussiert sind und im Zweifel überweisen müssen.
Für die Vorbereitung auf die Termine kann es hilfreich sein, eigene Beobachtungen zu dokumentieren, etwa in Form eines kurzen Tagebuchs zu Alltagssituationen, die typische Herausforderungen zeigen. Auch alte Schulzeugnisse, frühere psychologische Gutachten oder Berichte aus der Kindheit können wertvolle zusätzliche Informationsquellen sein und den diagnostischen Prozess erleichtern.
Am Ende der Diagnostik steht im Idealfall ein ausführlicher Befund, der beide Diagnosen differenziert darstellt und erläutert, wie sie sich im individuellen Fall zueinander verhalten. Ein guter Abschlussbericht beschreibt nicht nur, was zutrifft, sondern auch, welche Bereiche des Alltags besonders betroffen sind und welche Unterstützungsbedarfe daraus resultieren.
Nicht immer führt eine Abklärung zu einer klaren Doppeldiagnose. Manchmal zeigt sich, dass nur eine der beiden Diagnosen zutrifft, während einzelne Merkmale der anderen zwar vorhanden, aber nicht klinisch bedeutsam sind. Das ist kein Scheitern der Diagnostik, sondern ein differenziertes Ergebnis, das trotzdem hilfreich für das Selbstverständnis sein kann.
Manche Menschen entscheiden sich bewusst gegen eine formale Diagnostik, etwa aus Kostengründen, aus Sorge vor Stigmatisierung oder weil sie im Selbstverständnis bereits Klarheit gefunden haben. Diese Entscheidung ist legitim, sollte aber informiert getroffen werden, da eine formale Diagnose in Deutschland und Österreich unter anderem Zugang zu Nachteilsausgleichen, Therapieplätzen und bestimmten Medikationen erleichtern kann.
Unabhängig vom Ausgang der Diagnostik gilt: Der Prozess selbst kann bereits wertvolle Selbsterkenntnis bringen, weil er dazu anregt, das eigene Erleben strukturiert zu reflektieren. Viele Betroffene berichten, dass allein die ausführlichen Gespräche im Rahmen der Diagnostik zu einem besseren Verständnis der eigenen Funktionsweise beigetragen haben, unabhängig davon, welches Etikett am Ende vergeben wird.
Quellen
Grundlage dieses Beitrags. Wir priorisieren Leitlinien, Klassifikationen und systematische Übersichtsarbeiten.
- LeitlinieAWMF, Registernummer 028-018 · 2021S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter
- LeitlinieAWMF, Registernummer 028-045 · 2018S3-Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen
- ReviewAutism, Sage Journals · 2019Autism spectrum disorder and attention deficit hyperactivity disorder
Wichtig einzuordnen
Dieser Beitrag fasst den aktuellen Forschungsstand allgemeinverständlich zusammen. Er ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Behandlung.
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