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AuDHS

AuDHS verstehen: Was die Forschung über ADHS und Autismus gemeinsam weiß

Warum die Kombination aus ADHS und Autismus lange übersehen wurde und was aktuelle Studien dazu sagen.

12 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • Seit DSM-5 und ICD-11 können ADHS und Autismus offiziell gemeinsam diagnostiziert werden.
  • Genetische und neurobiologische Forschung deutet auf gemeinsame Grundlagen beider Diagnosen hin.
  • AuDHS gilt zunehmend als eigenständiges Profil mit spezifischer Wechselwirkung statt bloßer Summierung.
  • Diagnostische Prozesse sollten beide Diagnosemöglichkeiten von Anfang an mitdenken.

Lange Zeit galt es in der klinischen Praxis als ausgeschlossen, gleichzeitig die Diagnosekriterien für ADHS und für Autismus zu erfüllen. Erst mit der Einführung des DSM-5 im Jahr 2013 wurde diese Trennung aufgehoben, sodass beide Diagnosen offiziell gemeinsam vergeben werden können. Auch die ICD-11 folgt inzwischen diesem Verständnis. Diese Entwicklung war kein bloßes Verwaltungsdetail, sondern spiegelt einen echten Wandel im wissenschaftlichen Blick auf neurologische Entwicklung wider.

Studien zur Komorbidität zeigen, dass ein erheblicher Teil der Menschen mit einer Autismus-Diagnose auch klinisch relevante ADHS-Symptome aufweist, und umgekehrt. Die genauen Prozentzahlen schwanken je nach Studienpopulation und Erhebungsmethode, doch übereinstimmend wird deutlich, dass die Überschneidung deutlich häufiger ist als früher angenommen. Fachleute sprechen inzwischen von AuDHS als einem eigenständigen, klinisch bedeutsamen Profil, auch wenn es sich formal um zwei getrennte Diagnosen handelt.

Die Ursachen für diese hohe Komorbidität sind Gegenstand aktueller Forschung. Genetische Studien deuten darauf hin, dass sich bestimmte erbliche Faktoren zwischen ADHS und Autismus überschneiden, was eine gemeinsame neurobiologische Basis nahelegt. Zwillingsstudien haben gezeigt, dass ein Teil der genetischen Varianz für beide Diagnosen gemeinsam ist, was erklären könnte, warum beide Formen der Neurodivergenz so häufig zusammen auftreten.

Neurobiologisch werden bei beiden Diagnosen Unterschiede in der Konnektivität bestimmter Hirnnetzwerke diskutiert, etwa im Bereich der Aufmerksamkeitssteuerung und der sensorischen Verarbeitung. Wichtig ist dabei, dass es sich um statistische Unterschiede auf Gruppenebene handelt, nicht um klar abgrenzbare Marker für Einzelpersonen. Bildgebende Verfahren sind bislang kein Diagnoseinstrument, sondern liefern Hinweise für die Grundlagenforschung.

Aus Sicht der Neurodiversitätsbewegung wird betont, dass AuDHS keine Verschlimmerung oder Summierung zweier Störungen ist, sondern ein eigenes Profil mit spezifischer Dynamik. Die beiden neurologischen Prägungen wirken nicht einfach nebeneinander, sondern beeinflussen sich gegenseitig, verstärken sich in manchen Bereichen und gleichen sich in anderen teilweise aus. Das erklärt, warum viele Betroffene sich in reinen ADHS- oder Autismus-Beschreibungen nur bedingt wiederfinden.

Ein Beispiel für dieses Wechselspiel ist der Bereich Struktur und Routine. Während Autismus häufig mit einem ausgeprägten Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit einhergeht, ist ADHS oft mit Impulsivität und einem Verlangen nach Abwechslung verbunden. Bei AuDHS können beide Tendenzen gleichzeitig bestehen, was zu einem inneren Spannungsfeld führt, das in der Forschung erst in den letzten Jahren systematisch beschrieben wird.

Auch die Prävalenzforschung entwickelt sich weiter. Während frühere Schätzungen von einer geringen Überschneidung ausgingen, zeigen neuere bevölkerungsbasierte Untersuchungen deutlich höhere Zahlen. Ein Grund dafür liegt vermutlich auch in einer verbesserten diagnostischen Sensibilität für weibliche und atypische Erscheinungsbilder, die zuvor häufig übersehen wurden, weil Diagnosekriterien überwiegend an männlichen Stichproben entwickelt wurden.

Für die klinische Praxis bedeutet dieser Erkenntnisstand, dass diagnostische Prozesse beide Möglichkeiten von Beginn an mitdenken sollten, statt sie nacheinander abzuarbeiten. Eine sorgfältige Anamnese, die sowohl auf Aufmerksamkeits- und Impulskontrollaspekte als auch auf soziale Kommunikation und sensorische Besonderheiten eingeht, ist notwendig, um das Gesamtbild zu erfassen und Fehldiagnosen zu vermeiden.

Die AWMF-S3-Leitlinien zu ADHS und zu Autismus-Spektrum-Störungen erkennen die hohe Komorbidität mittlerweile ausdrücklich an und empfehlen, bei Verdacht auf eine der beiden Diagnosen auch die jeweils andere systematisch zu berücksichtigen. Dies ist ein wichtiger Fortschritt gegenüber früheren Leitlinienversionen, die diesen Zusammenhang kaum thematisierten.

Trotz der wachsenden Forschungsbasis gibt es noch viele offene Fragen, etwa zur langfristigen Entwicklung von AuDHS über die Lebensspanne, zu geschlechtsspezifischen Unterschieden im Erscheinungsbild und zu wirksamen, speziell auf die Kombination zugeschnittenen Unterstützungsangeboten. Die Forschung zu AuDHS als eigenständigem Profil steht damit noch am Anfang, entwickelt sich aber dynamisch.

Für Betroffene kann das Wissen um diese Forschungslage entlastend sein. Es erklärt, warum eigene Erfahrungen oft nicht exakt zu Beschreibungen von reinem ADHS oder reinem Autismus passen, und warum manche Selbsthilfegruppen und Fachpersonen erst in den letzten Jahren begonnen haben, spezifisch auf AuDHS einzugehen. Das eigene Erleben war also nicht falsch beschrieben, sondern die verfügbaren Kategorien waren lange unvollständig.

Wer sich mit dem Gedanken trägt, eine Abklärung anzustreben, kann von diesem Hintergrundwissen profitieren, indem er oder sie gezielt nach diagnostischen Stellen fragt, die Erfahrung mit der Kombination beider Diagnosen haben. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass das eigene komplexe Profil angemessen erfasst wird, statt in nur eine Schublade gepresst zu werden.

Quellen

Grundlage dieses Beitrags. Wir priorisieren Leitlinien, Klassifikationen und systematische Übersichtsarbeiten.

  1. LeitlinieAWMF, Registernummer 028-018 · 2021
    S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen
  2. LeitlinieAWMF, Registernummer 028-045 · 2018
    S3-Leitlinie ADHS
  3. KlassifikationWorld Health Organization · 2023
    ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics
  4. KonsenspapierFaraone et al., Neuroscience & Biobehavioral Reviews · 2021
    The World Federation of ADHD International Consensus Statement

Wichtig einzuordnen

Dieser Beitrag fasst den aktuellen Forschungsstand allgemeinverständlich zusammen. Er ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Behandlung.

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