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Selbstakzeptanz

Übergänge zwischen Lebensphasen: Warum sie für Neurodivergente besonders herausfordernd sein können

Ob Schulwechsel, Studienbeginn oder Ruhestand – Übergänge bringen für neurodivergente Menschen oft besondere Herausforderungen mit sich.

10 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • Übergänge bedeuten oft den Verlust bewährter Strategien und Routinen.
  • Frühzeitige, konkrete Vorbereitung reduziert Belastung bei autistischen Menschen erheblich.
  • Organisatorische Anforderungen bei Übergängen fordern exekutive Funktionen besonders bei ADHS.
  • Begleitung auf Zeit unterstützt, ohne Eigenständigkeit zu untergraben.

Lebensübergänge – der Wechsel von der Kita in die Schule, von der Schule ins Studium oder in den Beruf, der Auszug aus dem Elternhaus, die Gründung einer eigenen Familie oder der Übergang in den Ruhestand – stellen für viele Menschen Herausforderungen dar. Für neurodivergente Menschen sind sie jedoch häufig besonders anspruchsvoll, weil gewohnte Strukturen und Routinen wegfallen und durch neue, oft unklare Anforderungen ersetzt werden.

Ein zentraler Grund liegt darin, dass viele Menschen mit ADHS und Autismus über Jahre hinweg spezifische Strategien entwickeln, um mit ihrer jeweiligen Umgebung zurechtzukommen – sei es ein bestimmtes schulisches Umfeld, eine feste Tagesstruktur oder vertraute soziale Bezugspersonen. Bei einem Übergang müssen diese Strategien oft von Grund auf neu entwickelt werden, was Zeit, Energie und emotionale Anpassung erfordert.

Für autistische Menschen ist besonders die Unvorhersehbarkeit von Übergängen belastend: Neue Umgebungen, neue Menschen, neue Abläufe – all das bedeutet zunächst den Verlust von Routine und Sicherheit. Eine frühzeitige, möglichst konkrete Vorbereitung auf den Übergang, etwa durch Besuche der neuen Umgebung im Voraus oder detaillierte Informationen über zu erwartende Abläufe, kann diese Belastung deutlich reduzieren.

Für Menschen mit ADHS liegt die Herausforderung häufiger in der organisatorischen Dimension eines Übergangs: neue Anforderungen an Selbstorganisation, veränderte Zeitstrukturen oder ein plötzlicher Zuwachs an Verantwortung können exekutive Funktionen stark beanspruchen, die ohnehin schon eine Schwachstelle darstellen.

Der Übergang von der Schule in Ausbildung, Studium oder Beruf gilt als eine besonders kritische Phase, da hier gleich mehrere Veränderungen zusammentreffen: mehr Eigenverantwortung, neue soziale Umgebungen und oft auch ein Wohnortwechsel. Eine frühzeitige, schrittweise Vorbereitung, etwa durch Praktika, Probestudientage oder begleitete Wohnform-Erfahrungen, kann diesen Übergang erleichtern.

Auch familiäre Übergänge, etwa die Geburt eines Kindes, bringen für neurodivergente Menschen besondere Anforderungen mit sich: Schlafmangel, veränderte Tagesstruktur und erhöhte sensorische Reizbelastung durch ein Baby können bestehende Schwierigkeiten verstärken. Eine realistische, frühzeitige Planung von Unterstützung im Familienalltag ist hier besonders wertvoll.

Der Übergang in den Ruhestand, wie in einem anderen Beitrag dieser Plattform beschrieben, kann für Menschen, die von äußerer Struktur profitiert haben, ebenfalls eine erhebliche Umstellung bedeuten. Eine bewusste Gestaltung dieser neuen Lebensphase, etwa durch neue, selbstgewählte Routinen oder Aufgaben, kann helfen, den Übergang positiv zu gestalten.

Ein gemeinsames Element vieler Übergänge ist auch die emotionale Komponente: Abschied von Vertrautem, Unsicherheit über die Zukunft und manchmal auch die Angst, in einer neuen Umgebung erneut als „anders“ wahrgenommen zu werden. Diese Gefühle sind bei neurodivergenten Menschen nicht grundsätzlich stärker, aber oft mit einer zusätzlichen Sorge um die eigene Bewältigungsfähigkeit verbunden.

Unterstützung durch Bezugspersonen – Familie, Freunde, Fachpersonen – spielt bei Übergängen eine wichtige Rolle. Wichtig ist dabei, dass diese Unterstützung die Eigenständigkeit der betroffenen Person nicht untergräbt, sondern als Begleitung auf Zeit verstanden wird, die mit zunehmender Sicherheit im neuen Lebensabschnitt reduziert werden kann.

Insgesamt gilt: Übergänge sind für neurodivergente Menschen kein Zeichen mangelnder Fähigkeit, sondern eine besonders anspruchsvolle Phase, die mit frühzeitiger Vorbereitung, klarer Kommunikation und Geduld deutlich leichter bewältigt werden kann – und die, einmal überstanden, oft zu neuen, stabilen Routinen führt.

Quellen

Grundlage dieses Beitrags. Wir priorisieren Leitlinien, Klassifikationen und systematische Übersichtsarbeiten.

  1. LeitlinieAWMF · 2021
    S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen, Teil 2: Therapie (028-047)
  2. LeitlinieAWMF · 2018
    S3-Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen (028-045)

Wichtig einzuordnen

Dieser Beitrag fasst den aktuellen Forschungsstand allgemeinverständlich zusammen. Er ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Behandlung.

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