Das Wichtigste in Kürze
- Sensorische Unterempfindlichkeit bedeutet, dass Reize schwächer wahrgenommen werden als üblich.
- Sie kann zu aktivem Sinnesreiz-Suchverhalten führen, etwa nach starkem Druck oder lauter Musik.
- Über- und Unterempfindlichkeit können gleichzeitig in unterschiedlichen Sinnesbereichen auftreten.
- Feste Routinen können helfen, Risiken durch spät bemerkte Körpersignale auszugleichen.
Während sensorische Überempfindlichkeit relativ bekannt ist, wird das Gegenteil oft übersehen: sensorische Unterempfindlichkeit, auch Hyposensitivität genannt. Dabei werden Reize schwächer wahrgenommen als üblich, sodass mehr Intensität nötig ist, um sie überhaupt zu bemerken.
Das kann sich zum Beispiel darin zeigen, dass jemand Hunger, Durst, Kälte oder Schmerz erst sehr spät bemerkt. Manche Kinder und Erwachsene suchen aktiv starke Reize, etwa lautes Musikhören, kräftigen Druck, schnelles Drehen oder scharfes Essen, weil schwächere Reize kaum registriert werden. Dieses Verhalten nennt man sensorisches Suchverhalten.
Auch bei der Bewegungswahrnehmung, der sogenannten Propriozeption, kann Unterempfindlichkeit auftreten. Betroffene stoßen häufiger irgendwo an, unterschätzen die eigene Kraft oder haben Schwierigkeiten, die Position des eigenen Körpers im Raum präzise einzuschätzen. Manche wirken dadurch tollpatschig, was fälschlich als Unachtsamkeit gedeutet wird.
Wichtig zu verstehen ist, dass Über- und Unterempfindlichkeit sich nicht gegenseitig ausschließen. Eine Person kann in einem Sinnesbereich, etwa beim Hören, überempfindlich sein und gleichzeitig im Tastsinn unterempfindlich. Diese gemischten Profile sind sogar recht häufig und machen die sensorische Verarbeitung bei Autismus zu einem sehr individuellen Thema.
Sensorisches Suchverhalten wird manchmal missverstanden oder als „Zappeligkeit“ oder Unruhe fehlgedeutet, besonders wenn gleichzeitig ADHS-Merkmale vorliegen, was bei AuDHS häufig der Fall ist. Tatsächlich kann intensive Bewegung, Druck oder Geräusch für unterempfindliche Personen eine wichtige Funktion haben: Sie hilft, den eigenen Körper besser zu spüren und sich zu regulieren.
Im Alltag kann es hilfreich sein, gezielt intensive Reize einzubauen, wenn sie guttun, etwa Gewichtsdecken, feste Umarmungen, intensive sportliche Betätigung oder scharfes Würzen von Speisen. Bei Kindern wird in der Ergotherapie oft mit gezielten sensorischen Angeboten gearbeitet, um die Wahrnehmung zu unterstützen.
Gleichzeitig kann eine unterempfindliche Wahrnehmung auch Risiken bergen, etwa wenn Verletzungen, Krankheiten oder Erschöpfung erst spät bemerkt werden, weil die entsprechenden Körpersignale zu schwach ankommen. Hier kann es sinnvoll sein, feste Routinen einzuführen, etwa regelmäßige Essens- und Trinkzeiten, unabhängig vom subjektiven Hungergefühl.
Sensorische Unterempfindlichkeit wird in Diagnostik und Öffentlichkeit deutlich seltener thematisiert als Überempfindlichkeit, gehört aber ebenso zum Bild des Autismus-Spektrums. Wer sich in diesem Muster wiedererkennt, sollte es nicht als Marotte, sondern als ernstzunehmenden Teil der eigenen sensorischen Verarbeitung betrachten.
Quellen
Grundlage dieses Beitrags. Wir priorisieren Leitlinien, Klassifikationen und systematische Übersichtsarbeiten.
- LeitlinieAWMF · 2016S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Teil 1: Diagnostik (028-018)
- KlassifikationAmerican Psychiatric Association · 2022DSM-5-TR: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders
Wichtig einzuordnen
Dieser Beitrag fasst den aktuellen Forschungsstand allgemeinverständlich zusammen. Er ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Behandlung.
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