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Frauen

Eine kurze Geschichte des Übersehens

Warum wurden ADHS und Autismus so lange fast ausschließlich bei Jungen erforscht? Ein Blick auf die Geschichte der Diagnostik.

8 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • Frühe Autismus- und ADHS-Forschung basierte fast ausschließlich auf männlich geprägten Stichproben.
  • Diagnostische Kriterien orientierten sich lange an typisch männlichen Erscheinungsbildern.
  • Erst seit den 2000er Jahren wird geschlechtsspezifische Symptomatik systematischer erforscht.
  • Historische Prägung erklärt, warum viele heute erwachsene Frauen erst spät diagnostiziert werden.

Die frühe Forschung zu ADHS und Autismus basierte fast ausschließlich auf Beobachtungen bei Jungen. Leo Kanner beschrieb Autismus 1943 anhand einer Fallserie, in der Jungen deutlich überwogen; auch spätere diagnostische Kriterien wurden über Jahrzehnte primär an männlich geprägten Stichproben entwickelt und validiert.

Bei ADHS war die Forschungslage ähnlich: Die klassischen Bilder von „zappeligen, störenden Jungen“ prägten sowohl die wissenschaftliche Definition als auch das gesellschaftliche Bild der Störung über Jahrzehnte. Mädchen mit vorwiegend unaufmerksamer Symptomatik fielen in diesem Raster kaum auf.

Diese historische Schieflage wirkt bis heute nach: Diagnostische Instrumente, Screening-Fragebögen und selbst Lehrbuchbeschreibungen orientieren sich teilweise noch immer an einem Erscheinungsbild, das eher für Jungen typisch ist – etwa äußerlich sichtbare Hyperaktivität oder klassische repetitive Verhaltensweisen bei Autismus.

Erst ab den 1990er und verstärkt in den 2000er Jahren begann die Forschung systematischer, geschlechtsspezifische Unterschiede in Symptomatik und Diagnostik zu untersuchen. Wichtige Impulse kamen hier unter anderem aus der Autismusforschung von Simon Baron-Cohen und Meng-Chuan Lai sowie aus ADHS-Konsenspapieren zu Frauen.

Auch gesellschaftliche Erwartungen an Mädchen und Frauen spielten eine Rolle: Sozial angepasstes, ruhiges oder überangepasstes Verhalten wurde oft nicht als Symptom, sondern als „braves Mädchen“-Verhalten interpretiert – selbst wenn dahinter erhebliche innere Anstrengung steckte.

Diese Wahrnehmungslücke betraf nicht nur die Forschung, sondern auch klinische Praxis: Fachpersonen wurden über Jahrzehnte primär an männlich geprägten Fallbeispielen ausgebildet, was implizite Verzerrungen bei der Einschätzung weiblicher Patientinnen begünstigte.

Erst in den letzten 10 bis 15 Jahren hat sich das Bewusstsein für diese Verzerrung deutlich verändert. Aktuelle Leitlinien, etwa die deutsche S3-Leitlinie zu Autismus, erwähnen explizit geschlechtsspezifische Unterschiede in Präsentation und Diagnosealter als klinisch relevanten Faktor.

Dennoch bleibt die historische Prägung spürbar: Viele erwachsene Frauen, die heute eine Diagnose erhalten, sind in einer Zeit aufgewachsen, in der ihr Erscheinungsbild schlicht nicht dem damaligen Forschungsbild entsprach – und deshalb übersehen wurde.

Das Verständnis dieser Geschichte hilft, individuelle Diagnoseerfahrungen einzuordnen: Ein spätes Erkennen ist selten ein persönliches Versagen, sondern oft Ausdruck eines strukturellen, historisch gewachsenen Diagnostikbias.

Quellen

Grundlage dieses Beitrags. Wir priorisieren Leitlinien, Klassifikationen und systematische Übersichtsarbeiten.

  1. ReviewThe Lancet Psychiatry · 2015
    Lai & Baron-Cohen: Identifying the lost generation of adults with autism spectrum conditions
  2. LeitlinieAWMF · 2021
    S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter (028-018)
  3. KonsenspapierBMC Psychiatry · 2020
    Young et al.: Females with ADHD – Consensus statement

Wichtig einzuordnen

Dieser Beitrag fasst den aktuellen Forschungsstand allgemeinverständlich zusammen. Er ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Behandlung.

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