Das Wichtigste in Kürze
- Diagnostische Verfahren sind oft an männlich geprägten Stichproben entwickelt worden.
- Fehldiagnosen wie Angststörung oder Depression gehen der AuDHS-Diagnose häufig voraus.
- Eine gute Diagnostik hält ADHS- und Autismus-Hypothesen während des ganzen Prozesses offen.
- Eine Diagnose selbst wird von vielen bereits als Entlastung erlebt.
Studien und klinische Erfahrungsberichte zeigen, dass Frauen im Schnitt deutlich später diagnostiziert werden als Männer – sowohl bei ADHS als auch bei Autismus. Bei der Kombination beider Diagnosen verlängert sich dieser Weg häufig noch weiter, weil diagnostische Verfahren meist für ein einzelnes Störungsbild entwickelt wurden.
Ein typischer diagnostischer Weg beginnt oft mit einer Behandlung von Angststörungen, Depressionen oder Essstörungen – Zustände, die als Folge der jahrelangen Anpassungsleistung entstehen können, aber die eigentliche zugrunde liegende Neurodivergenz nicht erfassen.
Viele Frauen berichten, dass sie erst durch eigene Recherche – etwa nach der Diagnose eines eigenen Kindes – auf die Idee kamen, dass ihre eigenen Muster einer Neurodivergenz entsprechen könnten. Dieser Weg über die nächste Generation ist in klinischen Berichten ein wiederkehrendes Muster.
Erschwerend kommt hinzu, dass gängige Diagnoseinstrumente ursprünglich an überwiegend männlichen Stichproben entwickelt und validiert wurden. Fragen zielen häufig auf äußerlich sichtbare Hyperaktivität oder auf klassische, stark stereotype autistische Verhaltensweisen ab – beides zeigt sich bei vielen Frauen anders oder ist durch Masking verdeckt.
Ein diagnostischer Prozess, der beiden Spektren gerecht wird, sollte idealerweise eine ausführliche Entwicklungsanamnese, Fremdanamnese möglichst aus der Kindheit, sowie strukturierte Interviews und Fragebögen für beide Störungsbilder umfassen. Reine Selbsttests reichen für eine Diagnosestellung nicht aus.
Wichtig ist auch die Reihenfolge der Abklärung: Manche Kliniken diagnostizieren zunächst ADHS und übersehen dabei autistische Anteile, weil diese durch die ADHS-Symptomatik verdeckt werden – und umgekehrt. Eine gute Diagnostik hält beide Möglichkeiten während des gesamten Prozesses offen.
Die Wartezeiten auf spezialisierte Diagnostikstellen sind vielerorts lang, teils über ein Jahr. Das führt dazu, dass Betroffene über lange Zeiträume ohne Erklärung für ihre Erfahrungen bleiben, was zusätzlich belastend wirken kann.
Eine Diagnose ersetzt keine Behandlung, kann aber der erste Schritt zu passenderer Unterstützung sein: von Psychoedukation über Therapieansätze bis zu Nachteilsausgleichen im Studium oder Beruf. Viele beschreiben die Diagnose selbst schon als Entlastung, weil jahrelange Selbstzweifel eine Einordnung erhalten.
Wer den Verdacht auf AuDHS hat, findet über Fachverbände, spezialisierte Ambulanzen oder Autismus-Kompetenzzentren Anlaufstellen. Der Weg dorthin erfordert oft Geduld – und das Wissen, dass ein „unauffälliges“ äußeres Verhalten eine echte innere Belastung nicht ausschließt.
Quellen
Grundlage dieses Beitrags. Wir priorisieren Leitlinien, Klassifikationen und systematische Übersichtsarbeiten.
- KonsenspapierBMC Psychiatry · 2020Young et al.: Females with ADHD – Consensus statement
- LeitlinieAWMF · 2021S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter (028-018)
- KlassifikationAmerican Psychiatric Association · 2022DSM-5-TR: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders
Wichtig einzuordnen
Dieser Beitrag fasst den aktuellen Forschungsstand allgemeinverständlich zusammen. Er ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Behandlung.
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