Das Wichtigste in Kürze
- Bewegung wirkt bei ADHS regulierend auf neurochemische Prozesse, die mit Aufmerksamkeit zusammenhängen.
- Bei Autismus sollten individuelle sensorische Vorlieben bei der Wahl der Bewegungsform berücksichtigt werden.
- Stimming hat eine wichtige regulierende Funktion und sollte in sicherem Rahmen ermöglicht werden.
- Kurze, alltagsintegrierte Bewegungseinheiten sind oft nachhaltiger als anspruchsvolle Fitnessprogramme.
Bewegung wird häufig ausschließlich unter dem Aspekt körperlicher Fitness betrachtet, spielt aber bei ADHS und Autismus eine weit größere Rolle für die psychische und neurologische Regulation. Regelmäßige körperliche Aktivität beeinflusst neurochemische Prozesse, die eng mit Aufmerksamkeit, Stimmung und Stressverarbeitung zusammenhängen.
Bei ADHS wird körperliche Bewegung von vielen Betroffenen als eine der wirksamsten nicht-medikamentösen Strategien beschrieben, um innere Unruhe zu kanalisieren und die Konzentrationsfähigkeit im Anschluss zu verbessern. Studien deuten darauf hin, dass Bewegung kurzfristig ähnliche neurochemische Prozesse anregen kann wie manche medikamentösen Ansätze, wenn auch in deutlich geringerem Ausmaß und nicht als Ersatz für eine leitliniengerechte Behandlung zu verstehen.
Für Kinder mit ADHS wird häufig empfohlen, Bewegungspausen aktiv in den Schulalltag einzubauen, statt langes, bewegungsloses Sitzen zu erzwingen. Kurze Bewegungseinheiten zwischen Lerneinheiten können die anschließende Konzentrationsfähigkeit spürbar verbessern – ein Prinzip, das sich auch auf den Erwachsenenalltag übertragen lässt, etwa durch bewusste kurze Bewegungspausen während langer Arbeitsphasen am Schreibtisch.
Bei Autismus kann Bewegung ebenfalls regulierend wirken, allerdings ist die individuelle Präferenz besonders zu beachten: Manche autistische Menschen profitieren von repetitiver, vorhersehbarer Bewegung (etwa Schaukeln, Radfahren auf bekannten Strecken, Schwimmen), während intensive, unstrukturierte oder sensorisch überfordernde Sportarten (etwa laute Mannschaftssportarten in großen Gruppen) eher zusätzlichen Stress erzeugen können.
Stimming, also repetitive Bewegungen wie Wippen, Handflattern oder Fingerspiele, hat ebenfalls eine regulierende Funktion und sollte nicht unterdrückt, sondern in einem sicheren Rahmen ermöglicht werden. Diese Bewegungen helfen vielen autistischen und manchen ADHS-Betroffenen, sensorische Reize zu verarbeiten und ihr Erregungsniveau zu steuern.
Ein hilfreicher Ansatz ist, Bewegung nicht als zusätzliche Verpflichtung, sondern als Werkzeug im Alltag zu betrachten, das gezielt eingesetzt werden kann – etwa ein kurzer, intensiver Bewegungsschub vor einer Aufgabe, die hohe Konzentration erfordert, oder eine ruhige Bewegungseinheit am Abend zur Regulation vor dem Schlafen.
Wichtig ist, realistische, nachhaltige Formen der Bewegung zu finden, statt sich an gesellschaftlichen Idealen von intensivem Fitnesstraining zu orientieren, die für viele neurodivergente Menschen aufgrund von Reizempfindlichkeit, Motivationsschwankungen oder motorischen Besonderheiten schwer durchzuhalten sind. Ein kurzer Spaziergang, Tanzen in der eigenen Wohnung oder Gartenarbeit zählen genauso als wirksame Bewegung wie strukturiertes Training.
Bei motorischen Auffälligkeiten, die bei manchen autistischen Menschen oder auch bei ADHS zusätzlich auftreten können, kann eine Rücksprache mit ergotherapeutischem Fachpersonal helfen, individuell passende Bewegungsformen zu finden, die Freude bereiten, statt zusätzlichen Druck zu erzeugen.
Quellen
Grundlage dieses Beitrags. Wir priorisieren Leitlinien, Klassifikationen und systematische Übersichtsarbeiten.
- LeitlinieAWMF · 2018S3-Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen (028-045)
- LeitlinieAWMF · 2021S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen, Teil 2: Therapie (028-047)
Wichtig einzuordnen
Dieser Beitrag fasst den aktuellen Forschungsstand allgemeinverständlich zusammen. Er ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Behandlung.
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