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Emotionen

Achtsamkeit neu gedacht: Was bei ADHS und Autismus wirklich hilft

Klassische Achtsamkeitsübungen passen nicht immer zu neurodivergenten Bedürfnissen – angepasste Ansätze können trotzdem wirksam sein.

8 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • Klassische, stille Achtsamkeitsformate passen nicht immer zu ADHS oder Autismus.
  • Bewegte oder sensorisch konkrete Achtsamkeitsformen sind oft zugänglicher.
  • Kurze, regelmäßige Übungen sind meist wirksamer als lange, seltene Sitzungen.
  • Achtsamkeit sollte kein zusätzlicher Leistungsdruck werden.

Achtsamkeitsübungen werden häufig als allgemein hilfreiches Werkzeug zur Stressreduktion empfohlen, doch klassische Formate – etwa langes, stilles Sitzen mit geschlossenen Augen – passen nicht immer zu den Bedürfnissen neurodivergenter Menschen. Für manche mit ADHS kann stilles Sitzen selbst zur Belastung werden, da die dabei entstehende Unterstimulation innere Unruhe eher verstärkt als lindert. Für manche autistische Menschen können bestimmte Anweisungen zur „Körperwahrnehmung“ schwer umsetzbar sein, wenn Interozeption – die Wahrnehmung innerer Körpersignale – ohnehin erschwert ist.

Das bedeutet nicht, dass Achtsamkeit für neurodivergente Menschen ungeeignet ist, sondern dass die Form angepasst werden sollte. Bewegte Achtsamkeitsformen wie achtsames Gehen, achtsames Ausführen einer repetitiven Handbewegung oder achtsames, langsames Ausführen einer Alltagstätigkeit (z. B. bewusstes Abwaschen) können für Menschen, die von stillem Sitzen überfordert sind, deutlich zugänglicher sein.

Kurze Achtsamkeitseinheiten von wenigen Minuten sind oft realistischer als lange Meditationssitzungen, insbesondere bei ADHS, wo die Konzentrationsspanne für ungewohnte, wenig stimulierende Aufgaben begrenzt sein kann. Der Nutzen entsteht durch regelmäßige, kurze Wiederholung, nicht zwingend durch lange Einzelsitzungen.

Für autistische Menschen kann es hilfreich sein, Achtsamkeitsübungen mit konkreten, sensorisch klar definierten Ankern zu verbinden – etwa das bewusste Spüren eines bestimmten Gegenstands, statt der offenen Aufforderung, „auf den Atem zu achten“, was bei erschwerter Interozeption frustrierend sein kann.

Geführte Achtsamkeitsübungen mit klarer, konkreter Sprache – etwa per Audioaufnahme – können mehr Struktur bieten als offene, freie Meditationsformen und damit die Zugänglichkeit erhöhen. Wichtig ist, verschiedene Formate auszuprobieren, statt bei der ersten unpassenden Erfahrung ganz auf Achtsamkeit zu verzichten.

Achtsamkeit sollte nicht als Verpflichtung oder als weiterer Leistungsdruck verstanden werden – gerade Menschen, die durch Masking oder ständige Selbstoptimierung ohnehin erschöpft sind, profitieren nicht von einer weiteren „Aufgabe“, die perfekt erledigt werden muss. Der Wert liegt im bewussten Innehalten selbst, nicht in einer bestimmten Technik oder Dauer.

Wissenschaftliche Untersuchungen zu Achtsamkeit bei ADHS und Autismus zeigen insgesamt Hinweise auf positive Effekte auf Stressempfinden und Emotionsregulation, wobei die Studienlage insgesamt noch begrenzter ist als bei anderen Interventionen und individuelle Unterschiede in der Wirksamkeit erheblich sein können.

Wer Achtsamkeit ausprobieren möchte, kann klein anfangen: eine Minute bewusstes Atmen beim Warten auf den Wasserkocher, ein kurzer achtsamer Moment beim ersten Schluck Kaffee oder Tee, oder das bewusste Wahrnehmen der Füße beim Gehen. Diese kleinen, alltagsintegrierten Momente sind oft nachhaltiger als der Versuch, eine vollständige tägliche Meditationspraxis von Anfang an durchzuhalten.

Quellen

Grundlage dieses Beitrags. Wir priorisieren Leitlinien, Klassifikationen und systematische Übersichtsarbeiten.

  1. LeitlinieAWMF · 2021
    S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen, Teil 2: Therapie (028-047)
  2. LeitlinieAWMF · 2018
    S3-Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen (028-045)

Wichtig einzuordnen

Dieser Beitrag fasst den aktuellen Forschungsstand allgemeinverständlich zusammen. Er ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Behandlung.

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