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AuDHS

Schlaf bei AuDHS: Wenn Körper und Kopf unterschiedliche Signale senden

Schlafprobleme sind bei AuDHS besonders häufig – die Gründe liegen in einer Kombination aus sensorischen, kognitiven und biologischen Faktoren.

10 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • Schlafprobleme bei AuDHS entstehen durch ein Zusammenspiel aus verzögerter Melatoninausschüttung, sensorischen Empfindlichkeiten und mentaler Unruhe.
  • Hyperfokus am Abend und Zeitblindheit können das Zubettgehen zusätzlich verzögern.
  • Individuell angepasste Abendroutinen und sensorische Hilfsmittel können entlastend wirken.
  • Bei anhaltenden Beschwerden ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll.

Schlafstörungen gehören zu den am häufigsten berichteten Begleiterscheinungen sowohl bei Autismus als auch bei ADHS. Bei Menschen mit AuDHS treten diese Schwierigkeiten oft in verstärkter und komplexerer Form auf, da sich Faktoren aus beiden Profilen gegenseitig verstärken können. Sowohl die S3-Leitlinie zu ADHS als auch die Leitlinie zu Autismus-Spektrum-Störungen benennen Schlafprobleme als relevanten Aspekt, der bei der Behandlung berücksichtigt werden sollte.

Ein zentraler Faktor ist die verzögerte Melatoninausschüttung, die bei Autismus in mehreren Studien beschrieben wurde und zu einem späteren natürlichen Einschlafzeitpunkt führen kann. Gleichzeitig sorgt die für ADHS typische mentale Unruhe, das sogenannte „Gedankenkarussell“, dafür, dass das Einschlafen zusätzlich erschwert wird, selbst wenn der Körper eigentlich müde ist.

Sensorische Empfindlichkeiten spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Textur der Bettwäsche, Raumtemperatur, Geräusche im Haus oder von draußen, sogar das Gefühl der eigenen Kleidung können den Schlaf empfindlich stören. Viele Menschen mit AuDHS berichten, dass sie erst nach langem Ausprobieren die für sie passende sensorische Schlafumgebung gefunden haben.

Hinzu kommt bei vielen Betroffenen ein ausgeprägtes Hyperfokus-Verhalten am Abend: Ein spannendes Projekt, ein fesselndes Buch oder ein interessantes Thema können dazu führen, dass die Zeit völlig aus dem Blick gerät und das Zubettgehen immer weiter aufgeschoben wird, obwohl eigentlich Müdigkeit besteht. Diese Kombination aus Hyperfokus und Zeitblindheit ist ein typisches ADHS-Muster, das den Schlafrhythmus zusätzlich destabilisieren kann.

Auch Ängste und Grübeln vor dem Einschlafen treten bei AuDHS häufiger auf, teils bedingt durch die kumulative Erschöpfung des Tages durch Masking und Reizverarbeitung, teils durch die generelle erhöhte Prävalenz von Angst- und depressiven Symptomen in dieser Gruppe. Das Gehirn „schaltet“ dadurch abends schwerer in einen Ruhemodus.

Ein unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus kann sich langfristig negativ auf Aufmerksamkeit, Emotionsregulation und sensorische Verarbeitung auswirken – Bereiche, die bei AuDHS ohnehin bereits stärker gefordert sind. Es entsteht dadurch häufig ein Teufelskreis: Schlechter Schlaf verstärkt Symptome tagsüber, die wiederum die abendliche Regulation erschweren.

Feste, aber flexibel gestaltbare Abendroutinen können helfen, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Dazu gehört etwa ein visueller oder akustischer Countdown zur Schlafenszeit, eine konsequente Reduktion von Bildschirmlicht, sowie das bewusste Einplanen einer „Übergangszeit“ zwischen Aktivität und Schlaf, in der beruhigende, aber nicht unterfordernde Beschäftigungen stattfinden.

Sensorische Hilfsmittel wie Gewichtsdecken, spezielle Kopfkissen, Ohrstöpsel oder Verdunkelungsvorhänge werden von vielen Betroffenen als hilfreich beschrieben, auch wenn die wissenschaftliche Evidenz dazu noch begrenzt ist. Individuelles Ausprobieren, welche sensorischen Anpassungen tatsächlich beruhigend wirken, ist meist zielführender als allgemeine Empfehlungen.

Bei anhaltenden, stark beeinträchtigenden Schlafproblemen empfiehlt sich eine ärztliche Abklärung, da auch andere Faktoren wie Schlafapnoe, Restless-Legs-Syndrom oder Medikamentennebenwirkungen (etwa bei Stimulanzien) eine Rolle spielen können. Eine alleinige Selbstbehandlung sollte insbesondere bei ausgeprägten oder lang anhaltenden Beschwerden nicht die fachliche Abklärung ersetzen.

Verhaltenstherapeutische Ansätze zur Schlafhygiene, angepasst an sensorische und kognitive Besonderheiten von AuDHS, können ebenfalls hilfreich sein. Wichtig ist dabei, dass Empfehlungen nicht pauschal aus der allgemeinen Schlafforschung übernommen, sondern individuell auf die jeweiligen sensorischen und exekutiven Bedürfnisse zugeschnitten werden.

Letztlich profitieren viele Menschen mit AuDHS davon, den eigenen Schlaf nicht an einer allgemeinen Norm zu messen, sondern realistische, individuell passende Routinen zu entwickeln – auch wenn diese von gängigen Ratschlägen abweichen. Ein später, aber stabiler Schlafrhythmus kann im Alltag oft besser funktionieren als ein erzwungener, aber unrealistischer „Frühaufsteher-Rhythmus“.

Quellen

Grundlage dieses Beitrags. Wir priorisieren Leitlinien, Klassifikationen und systematische Übersichtsarbeiten.

  1. LeitlinieAWMF · 2018
    S3-Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen (028-045)
  2. LeitlinieAWMF · 2021
    S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen, Teil 2: Therapie (028-047)
  3. LeitlinieNational Institute for Health and Care Excellence · 2019
    NICE Guideline: Attention deficit hyperactivity disorder – diagnosis and management

Wichtig einzuordnen

Dieser Beitrag fasst den aktuellen Forschungsstand allgemeinverständlich zusammen. Er ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Behandlung.

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