Das Wichtigste in Kürze
- Selbstakzeptanz mit AuDHS bedeutet, scheinbare innere Widersprüche als Teil der eigenen Identität zu verstehen.
- Ein neurodiversitätsorientierter Blick würdigt sowohl Herausforderungen als auch Stärken.
- Der Austausch mit anderen Betroffenen kann das Gefühl der Isolation deutlich verringern.
- Selbstmitgefühl und geduldige Auseinandersetzung mit Rückschlägen sind zentrale Bausteine des Prozesses.
Selbstakzeptanz mit AuDHS bedeutet, zwei neurodivergente Profile gleichzeitig als Teil der eigenen Identität anzuerkennen, die sich in manchen Bereichen ergänzen und in anderen zu widersprechen scheinen. Dieser Prozess kann komplexer sein als die Auseinandersetzung mit nur einem Störungsbild, da innere Widersprüche – etwa der Wunsch nach Routine bei gleichzeitigem Bedürfnis nach Abwechslung – zunächst verwirrend wirken können.
Viele Menschen mit AuDHS berichten, dass sie über Jahre versucht haben, sich in bestehende Erklärungsmodelle einzupassen, sei es „nur“ Autismus, „nur“ ADHS oder allgemeine Persönlichkeitseigenschaften. Das Erkennen, dass beide Profile gleichzeitig zutreffen, kann zunächst zu Verunsicherung führen, langfristig aber auch zu einem stimmigeren Verständnis der eigenen inneren Erfahrung beitragen.
Ein zentraler Schritt in Richtung Selbstakzeptanz ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte durch die neue Brille von AuDHS: Situationen, die früher als persönliches Versagen empfunden wurden – etwa häufige Planänderungen, unerklärliche Erschöpfung nach sozialen Anlässen oder das Gefühl, „nie richtig zu funktionieren“ – lassen sich oft neu und mitfühlender einordnen, wenn die zugrunde liegende neurodivergente Doppelstruktur bekannt ist.
Gleichzeitig ist es wichtig, Selbstakzeptanz nicht mit Passivität zu verwechseln. Das Wissen um die eigene Neurodivergenz kann als Grundlage dienen, um gezielt Strategien zu entwickeln, die zur eigenen Kombination aus Bedürfnissen passen – etwa individuell abgestimmte Routinen, die sowohl Struktur als auch Raum für Spontaneität bieten.
Der Kontakt zu anderen Menschen mit AuDHS, etwa in Selbsthilfegruppen, Online-Communities oder durch Fachliteratur von neurodivergenten Autorinnen und Autoren, kann besonders wertvoll sein, da eigene Erfahrungen dort häufig zum ersten Mal gespiegelt werden. Das Gefühl, mit bestimmten Eigenheiten nicht allein zu sein, wirkt für viele Betroffene deutlich entlastend.
Ein neurodiversitätsorientierter Blick auf AuDHS betont, dass beide zugrunde liegenden Profile nicht ausschließlich als Defizite, sondern auch als andere Formen der Wahrnehmung, Verarbeitung und des Handelns verstanden werden können. Das bedeutet nicht, reale Belastungen und Herausforderungen zu verharmlosen, sondern sie in ein Gesamtbild einzuordnen, das auch Stärken und individuelle Funktionsweisen berücksichtigt.
Selbstmitgefühl spielt eine wichtige Rolle im Umgang mit AuDHS. Viele Betroffene haben über Jahre gelernt, sich für Verhaltensweisen zu kritisieren, die tatsächlich neurologisch bedingt sind – etwa Vergesslichkeit, sensorische Überforderung oder soziale Erschöpfung. Ein mitfühlenderer innerer Dialog, der diese Muster als erklärbar statt als persönliches Versagen einordnet, kann langfristig das psychische Wohlbefinden verbessern.
Auch die Kommunikation der eigenen Bedürfnisse gegenüber dem Umfeld ist ein wichtiger Baustein der Selbstakzeptanz. Wer versteht, warum bestimmte Situationen überfordernd sind, kann dies klarer benennen – etwa den Bedarf an Vorwarnzeit bei Planänderungen oder das Bedürfnis nach Bewegungspausen – statt sich weiterhin unbegründet zu fühlen oder zu rechtfertigen.
Rückschläge gehören zu diesem Prozess dazu: Es ist normal, dass Selbstakzeptanz nicht linear verläuft, sondern von Phasen größerer Klarheit und Phasen erneuter Verunsicherung geprägt ist, besonders in stressigen Lebensphasen oder bei neuen sozialen Anforderungen. Geduld mit sich selbst ist hierbei ein wichtiger, oft unterschätzter Bestandteil.
Professionelle Unterstützung, etwa durch Psychotherapie mit Fachwissen zu Autismus und ADHS, kann diesen Prozess begleiten, insbesondere wenn frühere negative Erfahrungen, Stigmatisierung oder eine späte Diagnose zusätzliche emotionale Verarbeitung erfordern. Wichtig ist dabei eine Herangehensweise, die Neurodivergenz nicht als etwas zu Behebendes, sondern als Teil der Identität begreift.
Letztlich beschreiben viele Menschen mit AuDHS den Weg zur Selbstakzeptanz als Prozess, bei dem sie lernen, die scheinbaren Widersprüche ihrer Persönlichkeit nicht als Makel, sondern als Ausdruck einer komplexen, einzigartigen Art zu sein zu begreifen – mit dem Ziel, das eigene Leben nach den eigenen, statt nach fremden Maßstäben zu gestalten.
Quellen
Grundlage dieses Beitrags. Wir priorisieren Leitlinien, Klassifikationen und systematische Übersichtsarbeiten.
- LeitlinieAWMF · 2021S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen, Teil 2: Therapie (028-047)
- LeitlinieAWMF · 2018S3-Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen (028-045)
- KonsenspapierNeuroscience & Biobehavioral Reviews · 2021Faraone et al.: The World Federation of ADHD International Consensus Statement
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Dieser Beitrag fasst den aktuellen Forschungsstand allgemeinverständlich zusammen. Er ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Behandlung.
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