Das Wichtigste in Kürze
- Bei AuDHS können Reizüberempfindlichkeit und Reizhunger gleichzeitig auftreten.
- Verschiedene Reizkanäle können unterschiedlich empfindlich sein, was individuelle Strategien erfordert.
- Frühwarnzeichen für Reizüberflutung frühzeitig zu erkennen, hilft bei der Selbstregulation.
- Ein persönliches Reizprofil kann Grundlage für gezielte Anpassungen im Alltag und Beruf sein.
Die sensorische Verarbeitung ist ein Bereich, in dem sich ADHS und Autismus besonders deutlich überschneiden und gleichzeitig widersprechen können. Während bei Autismus sensorische Über- oder Unterempfindlichkeit ein Kernmerkmal darstellt, wird bei ADHS häufig ein sogenannter Reizhunger beschrieben, ein Bedürfnis nach zusätzlicher Stimulation, um ein angemessenes Erregungsniveau zu erreichen. Bei AuDHS können beide Tendenzen gleichzeitig bestehen.
Das kann sich zum Beispiel so äußern, dass laute, unstrukturierte Geräusche in einem vollen Café als kaum aushaltbar empfunden werden, während gleichzeitig ein starkes Bedürfnis besteht, sich durch Musik über Kopfhörer, Bewegung oder Fidget-Objekte zusätzlich zu stimulieren. Von außen wirkt dieses Verhalten mitunter widersprüchlich, ergibt aus neurologischer Sicht jedoch durchaus Sinn.
Ein hilfreicher Erklärungsansatz ist, dass es nicht um eine einheitliche Reizschwelle geht, sondern um eine spezifische, oft situationsabhängige Verarbeitung unterschiedlicher Reizarten. Ein Mensch kann gegenüber bestimmten akustischen Reizen sehr empfindlich sein, gleichzeitig aber ein hohes Bedürfnis nach taktiler oder propriozeptiver Stimulation haben, etwa durch Bewegung, Druck oder bestimmte Materialien.
Diese unterschiedliche Empfindlichkeit gegenüber verschiedenen Reizkanälen erklärt auch, warum pauschale Ratschläge wie einfach Kopfhörer tragen oder einfach mehr Bewegung machen oft nicht ausreichen. Eine individuelle Auseinandersetzung damit, welche Reize in welchen Situationen als angenehm, neutral oder überfordernd erlebt werden, ist notwendig, um passende Strategien zu entwickeln.
Reizüberflutung äußert sich bei AuDHS oft in einer Kombination aus autistischem Overload, also einem Zustand des Zusammenbruchs der Verarbeitungskapazität, und ADHS-typischer Unruhe, die als zusätzliche Belastung hinzukommt. Betroffene beschreiben diesen Zustand teilweise als eine Art innere Zerreißprobe, bei der der Körper gleichzeitig zur Ruhe kommen und sich bewegen möchte.
Frühwarnzeichen für eine bevorstehende Reizüberflutung zu erkennen, ist ein wichtiger Baustein der Selbstregulation. Dazu gehören etwa zunehmende Reizbarkeit, körperliche Anspannung, ein Gefühl von Nebel im Kopf oder eine plötzliche Unfähigkeit, einfache Entscheidungen zu treffen. Wer diese Signale kennt, kann frühzeitig gegensteuern, statt erst im vollständigen Overload zu reagieren.
Zur Prävention hat sich ein individuell abgestimmtes Set an Regulationsstrategien bewährt, das sowohl beruhigende als auch stimulierende Elemente enthält. Für manche Menschen funktioniert eine Kombination aus kurzen Bewegungspausen und anschließenden Momenten in einer reizarmen Umgebung, für andere ist es hilfreicher, zwischen konzentrierten Arbeitsphasen bewusst Phasen mit gezielter, angenehmer Stimulation einzubauen.
Auch die Gestaltung von Arbeits- und Wohnräumen kann einen erheblichen Unterschied machen. Verstellbare Beleuchtung, die Möglichkeit, Geräuschquellen zu reduzieren, sowie ein fest eingerichteter Rückzugsort ohne visuelle Reizüberflutung können helfen, die allgemeine Reizbelastung im Alltag zu senken und gleichzeitig gezielte Stimulationsmöglichkeiten, etwa durch Bewegungsobjekte, bereitzustellen.
In sozialen Situationen wie größeren Feiern oder Meetings kann es hilfreich sein, im Vorfeld bewusst Pausen einzuplanen, in denen ein kurzer Rückzug möglich ist. Auch die offene Kommunikation gegenüber dem Umfeld, dass gelegentliche kurze Auszeiten notwendig sind, kann helfen, Missverständnisse zu vermeiden und den eigenen Bedarf ohne Scham anzusprechen.
Langfristig lohnt es sich, ein persönliches Reizprofil zu erstellen, das dokumentiert, welche Reize in welchen Situationen als angenehm, neutral oder belastend erlebt werden. Ein solches Profil kann als Grundlage für Gespräche mit Therapeutinnen, Therapeuten oder auch im beruflichen Kontext dienen, um gezielte Anpassungen wie Nachteilsausgleiche oder angepasste Arbeitsplatzgestaltung zu begründen.
Das Verständnis, dass Reizhunger und Reizüberempfindlichkeit bei AuDHS keinen Widerspruch, sondern zwei Seiten desselben komplexen Verarbeitungsmusters darstellen, kann entlastend wirken. Es erlaubt, die eigenen manchmal widersprüchlich erscheinenden Bedürfnisse ernst zu nehmen, statt sie als unlogisch oder überzogen abzutun.
Quellen
Grundlage dieses Beitrags. Wir priorisieren Leitlinien, Klassifikationen und systematische Übersichtsarbeiten.
- LeitlinieAWMF, Registernummer 028-018 · 2021S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen
- ReviewMolecular Psychiatry · 2021Sensory processing in autism and ADHD
- KlassifikationWorld Health Organization · 2023ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics
Wichtig einzuordnen
Dieser Beitrag fasst den aktuellen Forschungsstand allgemeinverständlich zusammen. Er ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Behandlung.
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