Das Wichtigste in Kürze
- Bei AuDHS können intensive, schnelle emotionale Reaktionen und Schwierigkeiten, Gefühle zu benennen, gleichzeitig auftreten.
- Rejection Sensitive Dysphoria und autistische Overloads können sich gegenseitig verstärken.
- Regulationsstrategien sollten sowohl beruhigende als auch bewegungsbasierte Elemente enthalten.
- Ein informiertes soziales Umfeld kann emotionale Eskalationen erheblich reduzieren.
Emotionsregulationsschwierigkeiten gehören zu den am häufigsten unterschätzten Aspekten sowohl von ADHS als auch von Autismus, obwohl sie in beiden AWMF-Leitlinien als relevantes Begleitmerkmal anerkannt werden. Bei AuDHS überlagern sich zwei unterschiedliche Muster, was zu einem komplexen, teils widersprüchlichen emotionalen Erleben führen kann, das von außen manchmal schwer nachvollziehbar ist.
Aus der ADHS-Forschung ist bekannt, dass eine erhöhte emotionale Reaktivität und Impulsivität typisch sein können. Gefühle wie Frustration, Freude oder Ärger werden oft intensiver und unmittelbarer erlebt, mit einer geringeren Pufferzeit zwischen Reiz und Reaktion. Dies kann zu spontanen, mitunter als überzogen wahrgenommenen emotionalen Ausbrüchen führen, die für Betroffene selbst oft ebenso überraschend sind wie für ihr Umfeld.
Aus der Autismusforschung ist demgegenüber häufig von Schwierigkeiten die Rede, eigene Gefühle zu identifizieren, zu benennen und einzuordnen, ein Phänomen, das als Alexithymie bezeichnet wird und bei autistischen Menschen überdurchschnittlich häufig, aber nicht bei allen vorkommt. Dies kann dazu führen, dass körperliche Symptome von Stress oder Anspannung erst spät als solche erkannt werden.
Bei AuDHS kann diese Kombination bedeuten, dass Gefühle intensiv und plötzlich auftreten, gleichzeitig aber schwer zu benennen oder einzuordnen sind. Das kann zu einem Zustand führen, in dem man spürt, dass etwas emotional stark aufgewühlt ist, ohne genau sagen zu können, um welches Gefühl es sich handelt oder woher es kommt, was die Situation zusätzlich verunsichernd macht.
Ein weiteres Merkmal ist die sogenannte Rejection Sensitive Dysphoria, eine besonders intensive emotionale Reaktion auf tatsächliche oder vermutete Zurückweisung, die häufig im Zusammenhang mit ADHS beschrieben wird, wenngleich sie kein offizielles Diagnosekriterium darstellt. In Kombination mit autistischen Schwierigkeiten, soziale Signale eindeutig zu interpretieren, kann diese Empfindlichkeit gegenüber Ablehnung besonders stark ausgeprägt sein.
Auch Meltdowns und Shutdowns, die typischerweise mit Autismus assoziiert werden, können bei AuDHS eine spezifische Dynamik annehmen. Die zugrunde liegende Reizüberflutung oder emotionale Überforderung kann durch ADHS-typische Impulsivität schneller eskalieren, während die anschließende Erholungsphase durch das gleichzeitige Bedürfnis nach Bewegung und Stimulation erschwert werden kann.
Strategien zur Emotionsregulation müssen bei AuDHS daher oft individuell angepasst werden. Klassische Achtsamkeitsübungen, die auf ruhiges Innehalten setzen, können hilfreich sein, müssen aber manchmal durch bewegungsbasierte Elemente ergänzt werden, um dem gleichzeitigen Bedürfnis nach körperlicher Aktivität gerecht zu werden. Ein rein kognitiver Ansatz ohne körperliche Komponente reicht oft nicht aus.
Auch das Führen eines einfachen Gefühlstagebuchs kann helfen, die eigene Wahrnehmung für unterschiedliche emotionale Zustände zu schärfen, insbesondere wenn zusätzlich mit körperlichen Symptomen wie Herzrasen, Anspannung oder Erschöpfung verknüpft dokumentiert wird, wann welche Gefühle auftreten. Dies kann über die Zeit dabei helfen, Muster zu erkennen und frühzeitiger zu reagieren.
In der therapeutischen Arbeit haben sich Elemente aus der Dialektisch-Behavioralen Therapie, ursprünglich für Emotionsregulationsschwierigkeiten entwickelt, für manche Menschen mit AuDHS als hilfreich erwiesen, sollten aber von Fachpersonen angepasst werden, die die spezifische neurologische Prägung berücksichtigen, statt Standardprogramme unverändert anzuwenden.
Auch das soziale Umfeld spielt eine wichtige Rolle bei der Emotionsregulation. Wenn nahestehende Personen verstehen, dass intensive emotionale Reaktionen nicht als Manipulationsversuch oder Überreaktion, sondern als Ausdruck einer echten neurologischen Verarbeitungsbesonderheit zu verstehen sind, kann dies den Umgang miteinander erheblich entspannen und Eskalationen vorbeugen.
Langfristig berichten viele Menschen mit AuDHS, dass sich die emotionale Regulation nicht grundlegend verändert, aber mit zunehmender Selbstkenntnis und passenden Strategien besser einordbar und handhabbar wird. Das Ziel ist dabei weniger, Gefühle zu unterdrücken, als vielmehr, einen bewussteren Umgang mit ihrer Intensität und Unmittelbarkeit zu entwickeln.
Quellen
Grundlage dieses Beitrags. Wir priorisieren Leitlinien, Klassifikationen und systematische Übersichtsarbeiten.
- LeitlinieAWMF, Registernummer 028-045 · 2018S3-Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen
- LeitlinieAWMF, Registernummer 028-018 · 2021S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen
- KonsenspapierFaraone et al., Neuroscience & Biobehavioral Reviews · 2021The World Federation of ADHD International Consensus Statement
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Dieser Beitrag fasst den aktuellen Forschungsstand allgemeinverständlich zusammen. Er ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Behandlung.
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