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Selbstakzeptanz

Sprache und Begriffe: Wie wir über Neurodivergenz sprechen

Warum die Wortwahl rund um ADHS und Autismus eine Rolle spielt – und welche Begriffe von Betroffenen bevorzugt werden.

8 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • Identity-first und person-first Sprache haben beide ihre Berechtigung – im Zweifel gilt es nachzufragen.
  • Wertende Formulierungen wie „leidet an“ werden von vielen Betroffenen als unpassend empfunden.
  • Umgangssprachliche Verharmlosung von Diagnosebegriffen wird häufig als respektlos erlebt.
  • Sprache rund um Neurodivergenz entwickelt sich weiter und erfordert Offenheit statt starrer Regeln.

Sprache prägt, wie wir über Menschen und ihre Eigenschaften denken. Rund um ADHS und Autismus gibt es unterschiedliche Begriffe und Formulierungen, die jeweils andere Bedeutungsebenen transportieren – und die Vorlieben innerhalb der betroffenen Communities sind dabei nicht einheitlich, was einen respektvollen, aufmerksamen Umgang wichtig macht.

Eine zentrale Debatte betrifft die sogenannte „identity-first language“ (z. B. „autistische Person“) im Vergleich zur „person-first language“ (z. B. „Person mit Autismus“). Viele autistische Selbstvertreter:innen bevorzugen die identitätsbetonte Formulierung, da sie Autismus als integralen Teil der Persönlichkeit versteht, statt als vom Menschen trennbares „Anhängsel“. Im medizinischen und teils auch im pädagogischen Kontext wird dagegen häufig die person-first-Formulierung verwendet, um zu betonen, dass die Person mehr ist als ihre Diagnose. Beide Ansätze haben ihre Berechtigung, weshalb es sinnvoll ist, im Zweifel nachzufragen, welche Formulierung eine Person für sich selbst bevorzugt.

Begriffe wie „leidet an ADHS“ oder „ist Opfer von Autismus“ transportieren eine implizite Wertung, die viele Betroffene als unpassend empfinden, insbesondere wenn sie ihre Neurodivergenz nicht primär als Leid, sondern als Teil ihrer Identität erleben – auch wenn einzelne Symptome durchaus belastend sein können. Neutralere Formulierungen wie „hat ADHS“, „ist autistisch“ oder „lebt mit ADHS“ werden von vielen als respektvoller empfunden.

Auch Begriffe wie „hochfunktional“ oder „Asperger“ werden zunehmend kritisch diskutiert. „Hochfunktional“ beschreibt oft nur die nach außen sichtbare Bewältigung des Alltags, verdeckt aber häufig erheblichen inneren Aufwand (etwa durch Masking) und wird von manchen Betroffenen als abwertend gegenüber Menschen mit höherem sichtbarem Unterstützungsbedarf empfunden. Der Begriff „Asperger-Syndrom“ wurde in aktuellen Klassifikationssystemen wie ICD-11 und DSM-5 zugunsten der einheitlichen Kategorie „Autismus-Spektrum“ aufgegeben, wird von manchen Menschen aber weiterhin als Teil ihrer persönlichen Identität verwendet.

Umgangssprachliche, verharmlosende Verwendungen von Begriffen wie „ein bisschen autistisch“ oder „total ADHS heute“ für alltägliche Zerstreutheit oder Eigenheiten ohne diagnostischen Bezug werden von vielen Betroffenen als respektlos empfunden, da sie die tatsächlichen Herausforderungen einer Diagnose verharmlosen und Klischees verstärken.

Gleichzeitig ist übertriebene sprachliche Vorsicht, die zu Verkrampfung führt, ebenfalls nicht das Ziel. Ein respektvoller, informierter Umgang mit Sprache bedeutet nicht, jeden Satz akribisch zu kontrollieren, sondern grundsätzlich bereit zu sein, zuzuhören, wie Betroffene selbst über sich sprechen, und die eigene Wortwahl entsprechend anzupassen.

In Texten für eine breite, gemischte Zielgruppe – wie auf dieser Plattform – wird häufig eine Mischung aus beiden Sprachformen verwendet, um unterschiedlichen Präferenzen gerecht zu werden, ohne eine Form als einzig richtig zu erklären. Wichtiger als die perfekte Formulierung ist die zugrunde liegende Haltung: Respekt vor der Selbstbestimmung darüber, wie ein Mensch über seine eigene Neurodivergenz sprechen möchte.

Sprache entwickelt sich kontinuierlich weiter, und was heute als respektvoll gilt, kann sich in einigen Jahren wieder verändern. Offenheit für diese Entwicklung, statt starres Festhalten an einmal gelernten Begriffen, ist Teil eines respektvollen, lernbereiten Umgangs mit dem Thema.

Quellen

Grundlage dieses Beitrags. Wir priorisieren Leitlinien, Klassifikationen und systematische Übersichtsarbeiten.

  1. KlassifikationWHO · 2024
    ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics
  2. KlassifikationAmerican Psychiatric Association · 2022
    DSM-5-TR: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders

Wichtig einzuordnen

Dieser Beitrag fasst den aktuellen Forschungsstand allgemeinverständlich zusammen. Er ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Behandlung.

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