Das Wichtigste in Kürze
- Autismus selbst muss nicht behandelt werden, Begleiterscheinungen können aber von Therapie profitieren.
- Therapieansätze sollten an autistische Kommunikations- und Wahrnehmungsweisen angepasst werden.
- Masking und dessen Folgen sind häufige Themen in der Therapie autistischer Erwachsener.
- Die Grundhaltung der Therapie sollte Autismus nicht als Defizit, sondern als Teil der Identität anerkennen.
Autismus selbst ist keine psychische Erkrankung, die „behandelt” oder „geheilt” werden muss. Dennoch kann Psychotherapie für autistische Menschen sehr hilfreich sein, etwa im Umgang mit Begleiterscheinungen wie Angststörungen, depressiven Verstimmungen oder den Folgen jahrelangen Maskings. Wichtig ist dabei, dass die Therapie die autistische Wahrnehmung nicht ignoriert, sondern aktiv einbezieht.
Klassische Therapieansätze wurden ursprünglich meist für nicht-autistische Klientinnen und Klienten entwickelt und setzen oft intuitives Verständnis sozialer Situationen, indirekte Kommunikation oder eine bestimmte Art emotionalen Ausdrucks voraus. Für autistische Menschen kann das zu Missverständnissen führen, etwa wenn Gefühle nicht in der erwarteten Weise gezeigt werden oder wörtliche Aussagen anders interpretiert werden als gemeint.
Eine autismusfreundliche Anpassung von Therapie bedeutet unter anderem, mit klarer und direkter Sprache zu arbeiten, Struktur und Vorhersehbarkeit im Ablauf zu bieten und individuelle sensorische Bedürfnisse zu berücksichtigen, etwa durch angepasste Beleuchtung oder die Möglichkeit, sich während des Gesprächs zu bewegen oder abzuwenden.
Ein Thema, das in der Therapie mit autistischen Erwachsenen häufig eine Rolle spielt, ist die Aufarbeitung von Masking, also der oft jahrelangen Anstrengung, autistische Merkmale zu verbergen, um sozial anzupassen. Diese Anstrengung kann zu tiefer Erschöpfung, Identitätsverwirrung und einem Gefühl der Entfremdung von sich selbst führen, das therapeutisch bearbeitet werden kann.
Auch der Umgang mit Reizüberflutung, sozialem Rückzug oder Konflikten am Arbeitsplatz sind häufige Themen. Hier hilft Psychotherapie weniger dabei, autistisches Verhalten zu „normalisieren“, sondern eher dabei, eigene Bedürfnisse besser zu erkennen, zu kommunizieren und im Alltag durchzusetzen.
Für manche autistische Menschen kann auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Diagnose selbst ein wichtiges Therapiethema sein, insbesondere wenn diese erst im Erwachsenenalter gestellt wurde. Fragen nach der eigenen Identität, nach verpassten Jahren des Verständnisses oder nach dem Verhältnis zu anderen Familienmitgliedern können dabei aufkommen.
Es gibt keine „eine” Therapieform, die für alle autistischen Menschen gleichermaßen passt. Manche profitieren von strukturierten kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansätzen, andere von eher offenen, klientenzentrierten Formen. Entscheidend ist, dass die Therapeutin oder der Therapeut bereit ist, sich flexibel auf individuelle Kommunikationsweisen und Bedürfnisse einzustellen.
Ebenso wichtig wie die Methode ist die Grundhaltung: Eine Therapie, die Autismus als Defizit begreift, das es zu beheben gilt, wirkt anders als eine Therapie, die Autismus als eine Form des Seins anerkennt und gemeinsam mit der Person nach Wegen sucht, das eigene Leben stimmiger zu gestalten.
Die Forschung zu autismusspezifischer Psychotherapie steht im Vergleich zu allgemeinen Therapieverfahren noch am Anfang, wächst aber stetig. Es fehlt insbesondere an groß angelegten Studien, die verschiedene Ansätze speziell bei autistischen Erwachsenen vergleichen.
Wer eine Therapie sucht, kann bei der Auswahl gezielt nach Erfahrung mit Autismus fragen und im Erstgespräch eigene Bedürfnisse, etwa bezüglich Kommunikation oder Umgebung, offen ansprechen. Bei akuten Krisen steht die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 sowie im Notfall die 112 zur Verfügung.
Quellen
Grundlage dieses Beitrags. Wir priorisieren Leitlinien, Klassifikationen und systematische Übersichtsarbeiten.
- LeitlinieAWMF · 2021S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen, Teil 2: Therapie (028-047)
- LeitlinieNICE · 2021Autism spectrum disorder in adults: diagnosis and management (CG142)
- StudieMolecular Autism · 2018Cassidy et al.: Suicidality and self-harm in autistic adults
Wichtig einzuordnen
Dieser Beitrag fasst den aktuellen Forschungsstand allgemeinverständlich zusammen. Er ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Behandlung.
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