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Frauen

Borderline oder Autismus? Wenn Fehldiagnosen Jahre kosten

Warum bei Frauen häufig eine Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wird, obwohl Autismus oder ADHS vorliegt.

9 min Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • Symptome von Borderline, Autismus und ADHS können sich überlappen, haben aber unterschiedliche Ursachen.
  • Diagnostische Verfahren waren historisch an männlichen Symptommustern orientiert.
  • Beide Diagnosen können gemeinsam vorliegen und schließen sich nicht aus.
  • Eine erneute, spezialisierte Diagnostik ist bei begründetem Verdacht sinnvoll.

Viele erwachsene Frauen berichten von einem langen diagnostischen Weg, an dessen Anfang häufig die Diagnose einer Borderline-Persönlichkeitsstörung steht, bevor Jahre später Autismus oder ADHS erkannt werden. Dieses Phänomen ist inzwischen auch in der Fachliteratur beschrieben und wird oft als diagnostische Überschneidung oder Fehlattribution bezeichnet.

Ursache dafür ist eine tatsächliche Symptomüberlappung: Emotionale Dysregulation, intensive zwischenmenschliche Beziehungen, Identitätsunsicherheit und impulsives Verhalten können sowohl bei einer Borderline-Persönlichkeitsstörung als auch bei ADHS und Autismus auftreten, wenn auch aus unterschiedlichen zugrunde liegenden Mechanismen.

Bei ADHS entsteht emotionale Dysregulation häufig durch Schwierigkeiten in der Affektregulation und Impulskontrolle, die neurobiologisch bedingt sind. Bei Autismus können intensive emotionale Reaktionen aus Reizüberflutung, sozialer Erschöpfung oder dem Zusammenbruch mühsam aufrechterhaltener Bewältigungsstrategien resultieren, dem sogenannten Meltdown oder Shutdown.

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung hingegen ist nach ICD-11 durch ein tiefgreifendes Muster von Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen, Selbstbild und Affekten gekennzeichnet, oft assoziiert mit früher Bindungs- und Beziehungstraumatisierung. Die Ursachenebenen unterscheiden sich also grundlegend, auch wenn sich die sichtbaren Symptome ähneln können.

Ein wesentlicher Grund für Fehldiagnosen bei Frauen liegt darin, dass diagnostische Instrumente für Autismus und ADHS historisch überwiegend an männlichen Stichproben entwickelt wurden. Weibliche Präsentationsformen, etwa stärkeres Masking oder internalisierte statt extern sichtbare Symptome, werden dadurch seltener erkannt, während emotional auffälliges Verhalten schneller in Richtung Persönlichkeitsstörung eingeordnet wird.

Wichtig zu betonen: Beide Diagnosen können auch gemeinsam vorliegen. Eine Borderline-Persönlichkeitsstörung schließt Autismus oder ADHS nicht aus, und umgekehrt. Entscheidend ist eine sorgfältige, mehrdimensionale Diagnostik, die entwicklungsgeschichtliche Informationen, aktuelle Symptomatik und mögliche traumatische Erfahrungen einbezieht.

Eine Fehldiagnose hat reale Konsequenzen: Therapieansätze, die primär auf Beziehungs- und Affektregulationsarbeit bei Borderline ausgerichtet sind, greifen bei unerkanntem Autismus oder ADHS oft zu kurz, wenn sensorische Bedürfnisse oder exekutive Unterstützung nicht mitgedacht werden. Umgekehrt kann eine tatsächliche Borderline-Symptomatik unbehandelt bleiben, wenn ausschließlich neurodivergente Erklärungen gesucht werden.

Für Betroffene kann es hilfreich sein, sich an spezialisierte diagnostische Zentren zu wenden, die Erfahrung mit der Differenzierung dieser Störungsbilder bei Erwachsenen, insbesondere bei Frauen, haben. Eine ausführliche Anamnese der Kindheit und Jugend ist dabei oft aufschlussreicher als eine reine Momentaufnahme aktueller Symptome.

Wer bereits eine Borderline-Diagnose erhalten hat und den Verdacht hegt, dass Autismus oder ADHS übersehen wurden, hat das Recht, eine erneute, spezialisierte Diagnostik anzufragen. Dies ist kein Misstrauensvotum gegenüber vorherigen Behandelnden, sondern ein legitimer Teil eines oft komplexen diagnostischen Prozesses.

Unabhängig von der letztlich zutreffenden Diagnose gilt: Die eigenen Erfahrungen von emotionaler Intensität, Beziehungsschwierigkeiten oder Überforderung sind real und verdienen ernstgenommene, passgenaue Unterstützung.

Quellen

Grundlage dieses Beitrags. Wir priorisieren Leitlinien, Klassifikationen und systematische Übersichtsarbeiten.

  1. KlassifikationWHO · 2019
    ICD-11
  2. LeitlinieAWMF · 2022
    S3-Leitlinie Persönlichkeitsstörungen
  3. ReviewBJPsych Bulletin
    Misdiagnosis and dual diagnosis of autism spectrum condition in women

Wichtig einzuordnen

Dieser Beitrag fasst den aktuellen Forschungsstand allgemeinverständlich zusammen. Er ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Behandlung.

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Warum werden Autismus oder ADHS bei Frauen manchmal fälschlich als Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostiziert?

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