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Fehldiagnosen bei autistischen Frauen: Wenn Borderline, Angst oder Depression im Weg stehen

Viele autistische Frauen erhalten vor ihrer eigentlichen Diagnose jahrelang andere psychiatrische Diagnosen. Warum das so häufig passiert und was das für Betroffene bedeutet.

9 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • Autistische Frauen erhalten häufig zunächst andere Diagnosen wie Borderline, Angststörung oder Essstörung.
  • Diese Überschneidungen entstehen durch reale, aber unterschiedlich begründete Symptomähnlichkeiten.
  • Fehldiagnosen können zu unpassenden Behandlungen führen, die wenig Wirkung zeigen.
  • Eine sorgfältige Differenzialdiagnostik und Fortbildung von Fachleuten sind entscheidend, um dies zu verbessern.

Zahlreiche autistische Frauen berichten, dass sie erst nach Jahren, manchmal Jahrzehnten, und häufig erst nach mehreren anderen psychiatrischen Diagnosen die Diagnose Autismus erhalten haben. Häufig genannte vorangegangene Diagnosen sind Borderline-Persönlichkeitsstörung, generalisierte Angststörung, Depression, soziale Phobie oder Essstörungen. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von diagnostischer Odyssee.

Diese Fehldiagnosen entstehen nicht aus Nachlässigkeit, sondern spiegeln reale Überschneidungen in der Symptomatik wider. Autistische Frauen zeigen häufig starke emotionale Reaktionen, Schwierigkeiten in Beziehungen, Rückzugsverhalten oder ein instabiles Selbstbild, das oberflächlich an Merkmale der Borderline-Persönlichkeitsstörung erinnern kann, obwohl die zugrunde liegende Ursache eine andere ist.

Bei genauerer Betrachtung zeigen sich jedoch wichtige Unterschiede. Während Beziehungsschwierigkeiten bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen häufig mit starker Angst vor Verlassenwerden und einem instabilen Selbstbild einhergehen, resultieren Beziehungsschwierigkeiten bei Autismus eher aus Schwierigkeiten im intuitiven Verständnis sozialer Signale und aus der Erschöpfung durch Camouflaging. Diese Differenzierung erfordert eine sorgfältige, spezialisierte Diagnostik.

Angststörungen und depressive Symptome sind bei autistischen Frauen häufig, allerdings oft als Folge und nicht als eigentliche Ursache der zugrunde liegenden Schwierigkeiten. Chronische soziale Überforderung, jahrelange Anpassung durch Camouflaging und das Gefühl, „nicht richtig“ zu sein, können depressive und ängstliche Symptome auslösen, ohne dass die eigentliche autistische Grundlage erkannt wird.

Auch Essstörungen, insbesondere Anorexie, treten bei autistischen Frauen überdurchschnittlich häufig auf. Erklärungsansätze verweisen unter anderem auf das Bedürfnis nach Kontrolle und Vorhersehbarkeit, sensorische Besonderheiten im Umgang mit bestimmten Lebensmitteln sowie den Versuch, über Körperkontrolle ein Gefühl von Stabilität in einer als chaotisch erlebten sozialen Welt zu finden. Eine alleinige Behandlung der Essstörung ohne Berücksichtigung möglicher zugrunde liegender autistischer Merkmale greift oft zu kurz.

Ein wesentlicher Grund für diese Fehldiagnosen liegt darin, dass viele Diagnostikerinnen und Diagnostiker in ihrer Ausbildung wenig über die vielfältigen weiblichen Erscheinungsformen von Autismus gelernt haben und sich stattdessen an klassischeren, männlich geprägten Bildern orientieren. Wenn eine Patientin sozial kompetent wirkt, Blickkontakt hält und emotional ausdrucksstark ist, wird Autismus häufig zunächst nicht in Betracht gezogen.

Die Folgen falscher oder unvollständiger Diagnosen können erheblich sein. Behandlungsansätze, die auf einer Borderline- oder Angstdiagnose basieren, aber die zugrunde liegende autistische Verarbeitung nicht berücksichtigen, können unpassend oder sogar belastend sein, etwa wenn therapeutische Methoden vorwiegend auf intuitive soziale Übungen setzen, ohne die spezifischen Bedürfnisse autistischer Klientinnen zu berücksichtigen.

Für Betroffene bedeutet eine spätere, korrekte Diagnose oft eine wichtige Neuorientierung. Viele berichten, dass frühere Therapien wenig geholfen haben, weil sie an der falschen Stelle ansetzten, während eine autismusinformierte Begleitung nach der Diagnose deutlich passender empfunden wird. Das unterstreicht die Bedeutung einer sorgfältigen Differenzialdiagnostik.

Fachlich wird zunehmend empfohlen, bei wiederkehrenden Diagnosen wie Borderline, Angststörung oder Essstörung, insbesondere wenn frühere Behandlungen wenig Wirkung zeigten, auch eine Autismus-Diagnostik in Erwägung zu ziehen. Dies gilt besonders, wenn zusätzlich Hinweise auf sensorische Besonderheiten, intensive Spezialinteressen seit der Kindheit oder eine hohe soziale Erschöpfung bestehen.

Für Frauen, die sich in mehreren früheren Diagnosen nur teilweise wiedererkannt haben, kann es hilfreich sein, sich gezielt an spezialisierte Diagnostikstellen zu wenden, die Erfahrung mit komplexen Differenzialdiagnosen im Erwachsenenalter haben. Der Austausch mit anderen Betroffenen, etwa in Selbsthilfegruppen oder Onlineforen, kann zusätzliche Orientierung bieten, ersetzt aber keine fachliche Abklärung.

Letztlich zeigt die hohe Rate an Fehldiagnosen bei autistischen Frauen vor allem einen strukturellen Handlungsbedarf: mehr Fortbildung für Diagnostikerinnen und Diagnostiker zu weiblichen Erscheinungsformen von Autismus und eine stärkere Sensibilität dafür, dass hinter scheinbar klaren psychiatrischen Diagnosen manchmal eine übersehene autistische Grundlage steckt.

Quellen

Grundlage dieses Beitrags. Wir priorisieren Leitlinien, Klassifikationen und systematische Übersichtsarbeiten.

  1. LeitlinieAWMF · 2021
    S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter (028-018)
  2. ReviewThe Lancet Psychiatry · 2015
    Lai & Baron-Cohen: Identifying the lost generation of adults with autism spectrum conditions
  3. KlassifikationAmerican Psychiatric Association · 2022
    Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen, DSM-5-TR

Wichtig einzuordnen

Dieser Beitrag fasst den aktuellen Forschungsstand allgemeinverständlich zusammen. Er ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Behandlung.

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