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Autistisch durch die Pubertät: Identität, Freundschaft und Reize

Die Jugendzeit bringt für autistische Jugendliche besondere Fragen zu Identität, Zugehörigkeit und Selbstschutz mit sich.

11 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • Masking nimmt in der Pubertät oft zu, besonders bei Mädchen.
  • Unsichtbare Erschöpfung nach der Schule ist real und sollte ernst genommen werden.
  • Kontakt zu autistischen Peers stärkt Selbstverständnis und Zugehörigkeitsgefühl.
  • Ziel der Begleitung ist selbstbestimmte Identitätsentwicklung, nicht Anpassung.

Die Pubertät stellt für viele Jugendliche eine Zeit der Selbstfindung dar – wer bin ich, wo gehöre ich hin, was macht mich aus. Für autistische Jugendliche kommt hinzu, dass sie sich in dieser Phase häufig zum ersten Mal bewusst mit ihrer Neurodivergenz auseinandersetzen, sei es durch eine frisch erhaltene Diagnose oder durch das zunehmende Bewusstsein, „anders“ zu sein als die meisten Gleichaltrigen.

Soziale Dynamiken werden in dieser Zeit komplexer: Freundschaften basieren zunehmend auf ungeschriebenen Regeln, subtilen Signalen und wechselnden Gruppenzugehörigkeiten. Für autistische Jugendliche, die soziale Situationen oft anders lesen, kann das anstrengend und verunsichernd sein. Manche ziehen sich zurück, andere versuchen intensiv, sich anzupassen und ihre Andersartigkeit zu verstecken.

Dieses Verstecken, auch Masking genannt, tritt in der Pubertät häufig verstärkt auf, insbesondere bei Mädchen und nicht-binären Jugendlichen. Sie beobachten genau, wie sich andere verhalten, und imitieren soziale Codes, um nicht aufzufallen. Das kann kurzfristig funktionieren, ist aber auf Dauer sehr anstrengend und kann zu Erschöpfung, Angst oder depressiven Symptomen führen.

Gleichzeitig verändert sich auch der Körper, was für viele autistische Jugendliche eine besondere Herausforderung sein kann, da neue körperliche Empfindungen mit einer möglicherweise ohnehin erhöhten oder verminderten Sinneswahrnehmung zusammentreffen. Themen wie Körperpflege, Kleidung oder Menstruation können durch sensorische Empfindlichkeiten zusätzlich erschwert werden.

Auch das Thema Partnerschaft und Beziehungen gewinnt an Bedeutung. Autistische Jugendliche interessieren sich genauso für romantische und sexuelle Beziehungen wie ihre Peers, erleben aber möglicherweise Unsicherheit darüber, wie Flirten, Zustimmung oder emotionale Nähe „funktionieren“, wenn implizite soziale Regeln schwerer zu erschließen sind.

Die schulische Umgebung wird in der Pubertät oft reizintensiver und sozial fordernder – größere Klassen, mehr Wechsel, lautere Pausen. Für Jugendliche mit sensorischen Empfindlichkeiten kann das zu erheblicher Erschöpfung führen, die von außen nicht immer erkennbar ist, da sie sich tagsüber angestrengt „zusammenreißen“ und erst zu Hause zusammenbrechen – ein Phänomen, das manchmal als „Meltdown nach der Schule“ beschrieben wird.

Wichtig ist, dass Bezugspersonen diese unsichtbare Erschöpfung ernst nehmen, statt sie als Trotz oder Unwilligkeit zu deuten. Rückzugszeiten nach anstrengenden sozialen Situationen sind keine Verweigerung, sondern eine notwendige Erholung des Nervensystems.

Die S3-Leitlinie betont, dass Unterstützung im Jugendalter individuell gestaltet werden sollte, mit Fokus auf Selbstverständnis, Alltagsbewältigung und – falls gewünscht – sozialen Fähigkeiten. Ziel ist nicht Anpassung um jeden Preis, sondern die Entwicklung eines stabilen, selbstbestimmten Umgangs mit der eigenen Neurodivergenz.

Für viele Jugendliche ist der Kontakt zu anderen autistischen Peers, etwa in Jugendgruppen oder Online-Communities, sehr wertvoll. Der Austausch mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen, kann das Gefühl von Isolation verringern und zu einem positiveren Selbstbild beitragen.

Auch das Thema Selbstoffenbarung – wem erzähle ich von meiner Diagnose, und wie – beschäftigt viele Jugendliche in dieser Zeit. Es gibt kein „Richtig oder Falsch“ dabei, aber es kann helfen, gemeinsam mit einer Vertrauensperson abzuwägen, in welchen Situationen Offenheit entlastend sein kann und wo sie eher belastet.

Insgesamt gilt: Die Pubertät ist für autistische Jugendliche eine Zeit intensiver Selbstwerdung, in der sie besonders von einem Umfeld profitieren, das ihnen erlaubt, ihre eigene Identität – mit allen Besonderheiten – wertschätzend zu entwickeln, statt sich in ein fremdes Muster zu pressen.

Quellen

Grundlage dieses Beitrags. Wir priorisieren Leitlinien, Klassifikationen und systematische Übersichtsarbeiten.

  1. LeitlinieAWMF · 2021
    S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen, Teil 2: Therapie (028-047)
  2. StudieJournal of Autism and Developmental Disorders · 2019
    Hull et al.: Development and validation of the Camouflaging Autistic Traits Questionnaire
  3. ReviewCurrent Opinion in Psychiatry · 2020
    Lai et al.: Sex and gender impacts on the behavioural presentation and recognition of autism

Wichtig einzuordnen

Dieser Beitrag fasst den aktuellen Forschungsstand allgemeinverständlich zusammen. Er ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Behandlung.

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