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Diagnostik

Wie wird Autismus diagnostiziert? Die Kriterien im Überblick

Eine Autismus-Diagnose basiert auf klar definierten Kriterien und einer sorgfältigen Diagnostik über mehrere Termine hinweg.

10 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Diagnose basiert auf ICD-11 bzw. DSM-5-TR und erfordert Merkmale in zwei Kernbereichen.
  • In Deutschland gibt die S3-Leitlinie ein mehrstufiges diagnostisches Vorgehen vor.
  • Bei Erwachsenen erschwert Masking oft die zügige Erkennung, besonders bei Frauen.
  • Eine Diagnose sollte nur von spezialisierten Fachpersonen gestellt werden.

Eine Autismus-Diagnose lässt sich nicht mit einem einzigen Test oder einer Blutuntersuchung stellen. Sie beruht auf einer sorgfältigen Verhaltensbeobachtung, ausführlichen Gesprächen und dem Abgleich mit anerkannten diagnostischen Kriterien, wie sie im ICD-11 und im DSM-5-TR festgelegt sind.

Beide Klassifikationssysteme beschreiben Autismus über zwei zentrale Bereiche: Auffälligkeiten in der sozialen Kommunikation und Interaktion sowie eingeschränkte, sich wiederholende Verhaltensmuster, Interessen oder Aktivitäten. Dazu zählen etwa Schwierigkeiten im Small Talk, ein anderer Umgang mit Blickkontakt, ausgeprägte Spezialinteressen, das Festhalten an Routinen oder eine besondere Sensibilität gegenüber Sinnesreizen.

Wichtig ist, dass diese Merkmale bereits in der frühen Entwicklung vorhanden gewesen sein müssen, auch wenn sie erst später vollständig sichtbar werden – etwa weil eine Person sie lange kompensiert oder maskiert hat. Zusätzlich müssen die Merkmale zu deutlichen Einschränkungen im Alltag führen, etwa im sozialen Miteinander, in der Ausbildung oder im Berufsleben.

In Deutschland orientiert sich die Diagnostik an der S3-Leitlinie der AWMF. Sie empfiehlt ein mehrstufiges Vorgehen: ein ausführliches Anamnesegespräch, häufig ergänzt durch Fragebögen, strukturierte Beobachtungsverfahren wie das ADOS-2 sowie, wenn möglich, Berichte von Bezugspersonen über die frühe Kindheit. Bei Erwachsenen ist Letzteres oft schwieriger, weshalb hier verstärkt auf die Selbstauskunft und die Beobachtung im Gespräch gesetzt wird.

Der diagnostische Prozess bei Erwachsenen unterscheidet sich häufig von dem bei Kindern. Viele erwachsene Autist:innen, besonders Frauen und nicht-binäre Personen, haben über Jahre hinweg soziale Verhaltensweisen antrainiert, um weniger aufzufallen. Dieses sogenannte Masking kann dazu führen, dass Fachleute die zugrunde liegenden Merkmale in einem kurzen Erstgespräch übersehen. Eine gute Diagnostik berücksichtigt das und fragt gezielt nach der inneren Erfahrung, nicht nur nach äußerlich sichtbarem Verhalten.

Eine Diagnose sollte immer von Fachpersonen mit spezifischer Erfahrung in der Autismus-Diagnostik gestellt werden, etwa in spezialisierten Ambulanzen oder bei entsprechend qualifizierten Psychotherapeut:innen und Psychiater:innen. Da Wartezeiten oft lang sind, suchen manche Menschen zunächst über Selbsttests oder Online-Fragebögen eine erste Orientierung. Diese können einen Hinweis geben, ersetzen aber keine fachliche Abklärung.

Autismus tritt häufig gemeinsam mit anderen Besonderheiten auf, etwa ADHS, Angststörungen oder Depressionen. Eine gründliche Diagnostik berücksichtigt deshalb auch mögliche Überschneidungen und Doppeldiagnosen, um ein möglichst vollständiges Bild der Person zu bekommen.

Für viele Menschen ist der Weg zur Diagnose lang und emotional herausfordernd. Manche erleben die Bestätigung als große Erleichterung, weil vieles im Rückblick plötzlich Sinn ergibt. Andere empfinden zunächst Trauer oder Verunsicherung. Beides ist normal und braucht Zeit zur Verarbeitung.

Eine Diagnose ist kein Urteil und kein Etikett, das eine Person auf ihre Schwierigkeiten reduziert. Sie ist vielmehr ein Werkzeug, das helfen kann, sich selbst besser zu verstehen, passende Unterstützung zu finden und gegenüber Arbeitgeber:innen, Schulen oder Behörden Nachteilsausgleiche zu beantragen.

Quellen

Grundlage dieses Beitrags. Wir priorisieren Leitlinien, Klassifikationen und systematische Übersichtsarbeiten.

  1. LeitlinieAWMF · 2016
    S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Teil 1: Diagnostik (028-018)
  2. KlassifikationAmerican Psychiatric Association · 2022
    DSM-5-TR: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders
  3. LeitlinieNICE · 2021
    Autism spectrum disorder in adults: diagnosis and management (CG142)

Wichtig einzuordnen

Dieser Beitrag fasst den aktuellen Forschungsstand allgemeinverständlich zusammen. Er ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Behandlung.

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