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ADHS

ADHS: Was wir über die Ursachen und die genetische Grundlage wissen

ADHS entsteht nicht durch Erziehungsfehler oder zu viel Bildschirmzeit, sondern hat eine starke biologische und genetische Grundlage. Ein Überblick über den aktuellen Forschungsstand.

9 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • ADHS hat eine starke genetische Komponente, ist aber nicht auf ein einzelnes Gen zurückzuführen.
  • Bildgebende Studien zeigen Gruppenunterschiede in Gehirnregionen für Aufmerksamkeit und Impulskontrolle, erlauben aber keine Diagnose per Scan.
  • Umweltfaktoren können ein bestehendes Risiko beeinflussen, sind aber keine alleinige Ursache.
  • Eine biologische Grundlage schließt Veränderung und Unterstützung im Alltag nicht aus.

Kaum ein Thema rund um ADHS ist so mit Mythen belastet wie die Frage nach den Ursachen. Immer wieder hört man, ADHS sei eine Folge von „schlechter Erziehung“, zu viel Zucker oder zu viel Zeit vor Bildschirmen. Die Forschung zeichnet ein anderes, deutlich klareres Bild: ADHS ist zu einem großen Teil genetisch mitbedingt und hängt mit Unterschieden in der Entwicklung und Arbeitsweise des Gehirns zusammen.

Zwillings- und Familienstudien gehören zu den robustesten Belegen dafür, dass ADHS eine erhebliche erblich bedingte Komponente hat. Wenn ein Elternteil ADHS hat, ist die Wahrscheinlichkeit deutlich erhöht, dass auch ein Kind Merkmale von ADHS zeigt. Das bedeutet nicht, dass ADHS „vererbt“ wird wie eine einzelne Eigenschaft mit einem einzigen Gen, sondern dass viele verschiedene genetische Varianten zusammenwirken und jeweils nur einen kleinen Beitrag leisten.

Neben der genetischen Veranlagung spielen auch Umweltfaktoren eine Rolle, allerdings eher als Einflussfaktoren auf ein bestehendes Risiko als als alleinige Ursache. Dazu zählen zum Beispiel ein sehr niedriges Geburtsgewicht, Frühgeburtlichkeit oder bestimmte Belastungen während der Schwangerschaft. Wichtig ist zu verstehen, dass solche Faktoren das Risiko verändern können, aber niemals „die“ eine Ursache sind, die man einer einzelnen Familie oder Mutter zuschreiben könnte.

Auf der Ebene des Gehirns zeigen bildgebende Studien wiederkehrende Unterschiede in Regionen, die für Aufmerksamkeitssteuerung, Impulskontrolle und Handlungsplanung wichtig sind, etwa im präfrontalen Kortex und in den Verbindungen zu tiefer liegenden Hirnstrukturen. Diese Unterschiede sind im Durchschnitt über Gruppen von Menschen mit ADHS messbar, aber sie erlauben keine individuelle Diagnose anhand eines Scans – dafür ist die Variabilität zwischen einzelnen Menschen zu groß.

Ein zentraler Baustein des Erklärungsmodells ist das dopaminerge System, also die Botenstoffe, die unter anderem für Motivation, Belohnung und die Steuerung von Aufmerksamkeit zuständig sind. Bei ADHS wird von einer veränderten Regulation dieses Systems ausgegangen, was erklären könnte, warum Aufgaben ohne unmittelbaren Reiz oder Belohnung besonders schwerfallen, während hochinteressante Tätigkeiten mühelos gelingen.

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Ursache und Auslöser. Stress, wenig Schlaf, eine unpassende Umgebung oder emotionale Belastung können ADHS-Symptome sichtbarer machen oder verstärken, sie „erzeugen“ aber keine ADHS bei einem Menschen, der die Veranlagung nicht mitbringt. Umgekehrt kann eine gut passende Umgebung Symptome deutlich abmildern, ohne dass die zugrunde liegende neurobiologische Andersartigkeit verschwindet.

Die internationale Konsenserklärung von Fachleuten aus aller Welt betont, dass ADHS eine der am besten erforschten psychischen beziehungsweise neurologischen Entwicklungsbesonderheiten überhaupt ist, mit einer breiten Evidenzbasis aus genetischen, bildgebenden und klinischen Studien. Das steht im deutlichen Gegensatz zu der in manchen Medien noch immer verbreiteten Behauptung, ADHS sei „nicht real“ oder nur eine moderne Modeerscheinung.

Für Betroffene und Angehörige kann dieses Wissen entlastend sein: Wenn ADHS eine neurobiologische Grundlage hat, dann sind Konzentrationsschwierigkeiten oder impulsives Verhalten keine Frage von mangelnder Anstrengung oder schlechtem Charakter. Das verändert den Blick auf sich selbst oder das eigene Kind – weg von Schuldzuweisungen, hin zu der Frage, welche Unterstützung und welche Umgebung wirklich hilfreich sind.

Gleichzeitig bedeutet eine biologische Grundlage nicht, dass nichts verändert werden kann. Gerade weil das Gehirn formbar ist, können Strategien, Strukturen, therapeutische Begleitung und, wo passend, Medikation die Auswirkungen von ADHS im Alltag deutlich verringern. Ursache und Veränderbarkeit stehen sich nicht entgegen.

Ein Punkt, der in der Forschung oft zu kurz kommt, ist die enorme Bandbreite innerhalb der Diagnose ADHS. Genetische und neurobiologische Befunde beschreiben Muster auf Gruppenebene, aber kein Mensch mit ADHS gleicht in der Ausprägung exakt einem anderen. Manche Menschen sind vor allem unaufmerksam und leicht ablenkbar, andere eher impulsiv und unruhig, viele zeigen eine Mischung aus beidem.

Offen bleibt in der Forschung, wie genau die vielen beteiligten Gene mit Umweltfaktoren zusammenwirken und warum sich ADHS bei manchen Menschen früh und deutlich zeigt, bei anderen erst im Erwachsenenalter auffällt. Diese Unsicherheiten sind kein Zeichen mangelnder Forschung, sondern spiegeln, wie komplex neuronale Entwicklung tatsächlich ist.

Wer selbst betroffen ist oder ein Kind mit entsprechenden Auffälligkeiten hat, muss die Details der Genetik nicht auswendig kennen. Hilfreich ist vor allem das Grundverständnis: ADHS ist real, hat eine biologische Basis, ist nicht selbst verschuldet und lässt sich durch passende Unterstützung im Alltag gut begleiten.

Eine fachliche Abklärung durch qualifizierte Diagnostik bleibt der sicherste Weg, um herauszufinden, ob tatsächlich ADHS vorliegt oder ob andere Erklärungen für bestimmte Schwierigkeiten infrage kommen. Selbsttests im Internet können erste Hinweise geben, ersetzen aber keine fundierte Diagnostik.

Quellen

Grundlage dieses Beitrags. Wir priorisieren Leitlinien, Klassifikationen und systematische Übersichtsarbeiten.

  1. LeitlinieAWMF · 2018
    S3-Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen (028-045)
  2. KonsenspapierNeuroscience & Biobehavioral Reviews · 2021
    Faraone et al.: The World Federation of ADHD International Consensus Statement
  3. FachbuchGuilford Press · 2015
    Barkley: Attention-Deficit Hyperactivity Disorder – A Handbook for Diagnosis and Treatment

Wichtig einzuordnen

Dieser Beitrag fasst den aktuellen Forschungsstand allgemeinverständlich zusammen. Er ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Behandlung.

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